Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
URAUFFÜHRUNG: "Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" von Xaver Bayer im Schauspielhaus WienURAUFFÜHRUNG: "Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" von Xaver Bayer im...URAUFFÜHRUNG: "Wenn die...

URAUFFÜHRUNG: "Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen" von Xaver Bayer im Schauspielhaus Wien

Premiere: 15. März 2012, 20:00 Uhr. -----

Die Auseinandersetzung mit neuen Texten ist prinzipieller Ausgangspunkt aller Arbeiten am Schauspielhaus. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Suche nach neuen Perspektiven, anderen Möglichkeiten im Textumgang und ungewöhnlichen Konfrontationen.

Mit der Einladung an die Choreografin Christine Gaigg, sich mit der neuen Erzählung von Xaver Bayer, einem der spannendsten Autoren der jungen österreichischen Literaturszene, zu beschäftigen und die Sparten Tanz und Schauspiel in ihrem Projekt aufeinandertreffen zu lassen, stoßen wir in ein für uns neues Gebiet der Textarbeit vor.

 

Schreiben als das Geschäft, den Bewusstseinsstrom aus geschichteten Gleichzeitigkeiten in ein nachvollziehbares abwechselndes Auftauchen von Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen zu bringen: Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen ist der Gedankenfluss eines Mannes, der auf dem Brüsseler Flughafen auf seinen Anschlussflug wartet. Unter verschärften Bedingungen - an einem Nicht-Ort, in einer Nicht-Zielgerichtetheit - protokolliert Xaver Bayer, welche Bewusstseinspartikel es an die Oberfläche schaffen. Selten hat mir die Beschäftigung mit einem Text solches Vergnügen bereitet. Die Prosa verläuft in einem einzigen Satz und bedient sich dafür einer eigenen Logik, um die Stränge zu bündeln, sodass ein niemals abreißender Gedankenstrom nachempfunden wird. Allerdings entsteht der Sog nicht zwingend, man hechelt dem Geschehen nicht hinterher. Eher muss man am Text dran bleiben, in einer angemessenen Geschwindigkeit, so wie man beim Wellenreiten auf einer Welle den richtigen Moment erwischen muss. Denn wenn man schnell und flüchtig drüber liest, passiert wenig, und wenn man zu sehr am Wort klebt, auch nicht viel. Aber wenn man sich einklinkt, wenn man den Fährten und Wendungen Bayers folgt und zugleich Platz lässt für das Bewusstwerden der eigenen Assoziationen, ist man mitten drin in einem vielschichtigen Spiel.

 

Der Ich-Erzähler ist ein Reisender mit Fotoapparat und bevor noch eine einzige Reiseschilderung kommt, weckt er Lust aufs Reisen. Seine Verknüpfungen sind oft fotografisch formal motiviert, manchmal atmosphärisch, manchmal logisch. Eine von einem Geräusch ausgelöste Episode formt sich zu einer komplexen Erinnerung, die gemäß der nachfolgenden Reflexion genauso gut von einer Farbwahrnehmung herstammen könnte. Gleich zu Beginn verbindet Bayer religiöse Symbole mit unseren medial vorformatierten Bildern, später mit persönlichen Erlebnissen. Dann wieder wundert er sich selbst über seine Beobachtungen und versetzt mich so in die Bereitschaft, ihm zu antworten. Sein Text ist eine musikalische, interaktive Partitur, genau so, wie ich mir ein choreografisches Setting erhoffe: Gehaltvoll, präzise und offen produziert er Potentiale. Jedem Moment wohnt eine potentielle Erkenntnis, der Keim einer Aktion, einer Entscheidung, eines Wendepunktes inne. Choreografisch umgesetzt wird sich der Text weiter fortsetzen, ausbreiten und verzweigen, wenn das Ensemble im Spiel - nach der Art der Kinder - ein Netz webt, in dem die Imaginationen der Zuschauer ihre Anknüpfungspunkte finden. (Christine Gaigg)

 

Autor Xaver Bayer

Regie Christine Gaigg

Bühne Philipp Harnouncourt

Kostüm Eva-Maria Lauterbach

Musik Florian Bogner

Tänzer Petr Ochvat

Tänzerin Anna Prokopová

Tänzerin Eva Maria Schaller

Tänzerin Veronika Zott

 

Nicola Kirsch

Thiemo Strutzenberger

 

Eine Koproduktion mit dem Tanzquartier Wien und 2nd Nature

 

weitere Termine:

Fr, 16. März 2012

Sa, 17. März 2012

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 16 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑