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Variationen von Einsamkeit

b.16 (Afternoon of a Faun von Jerome Robbins/ Without Words von Hans van Manen/ Nacht umstellt (Uraufführung) von Martin Schläpfer) in der Deutschen Oper am Rhein

Copyright: Gert Weigelt

 

Faune und Nymphen sind aus unserem profanen Leben inzwischen ganz verschwunden, aber die narzisstische Einsamkeit mythologischer Wesen lässt sich auch in heutigen Menschen wiederfinden. Jerome Robbins hat seine 1953 kreierte choreographische Interpretation von Debussys "Prélude à l’après-midi d’un faune" in einen Ballettraum verlegt. Dazu inspiriert wurde er durch eine eingefangene Probensituation, ein kurzer Moment des Aufblitzens einer Erinnerung, eine Reminiszenz an ein historisches Tanzstück, die eine ganze Szenerie aufleuchten ließ und im Herstellen eines neuen Zusammenhangs mündete: Das Nachmittagsschläfchen hat ihn überrascht. Sie tritt zum Training in den Raum, nimmt ihn zunächst gar nicht wahr, bis er zu ihr tritt, der Pas de deux beginnt. Ein wirkliches Zueinanderfinden findet nicht statt, eine kurze Tändelei nur, bald vergangen, sie verlässt den Raum. Ein erotisches Impromptu, zart und eindrucksvoll geschildert und hier von Nicole Morel und Alexandre Simões beeindruckend dargebracht.

 

Nur wer die Sehnsucht kennt! Vier Mignon-Lieder von Hugo Wolf nach Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", nur als Klavierpart dargeboten, sind die musikalische Grundlage für Hans von Manens "Without Words". Eine Frau in dreifach wechselnder Paarkonstellation, auf der Suche nach einer Verbindung, nicht willig sich wirklich einzulassen, das Verlangen ohne Erfüllung, sichtbar auch in der Auflösung des Duetts in zwei Soli, und am Ende bleibt nur ein Blick. Worte braucht es hier tatsächlich nicht, wenn alles auch in der puren Bewegung, in der Konzentration auf den reinen Tanz gesagt werden kann. Das Ganze mit einer bezaubernden Leichtigkeit grandios in Szene gesetzt.

 

Franz Schubert in Kombination mit Salvatore Sciarrino: Martin Schläpfer hat für sein neuestes Stück "Nacht umstellt" diesen musikalischen Kontrast gewagt, der sich auch in seiner Choreographie niederschlägt. Die Stille der Nacht, blauschwarz und dunkel, voll Ruhe und Frieden, ein Mysterium mit Träumen voll Glück oder geplagt von Ängsten, verfolgt von Dämonen, eine Qual, das Sichtbarwerden des Unbewussten, der Mensch allein und einsam im Universum. Schwere und Leichtigkeit wechseln sich ab, wie beim ersten Satz von Schuberts 7. Sinfonie, den Yuko Kato fast ganz im Solo tanzt. Wenn zu Beginn Männer zu Schuberts "Deutschen Tänzen" auf Spitze tanzen, ist das nicht zart, sondern kraftvoll und erdenschwer. Kraftvoll stampfend, dynamisch und atemberaubend sind auch die Gruppenauftritte. Martin Schläpfer ist es gelungen, in großartigen Bildern das Brüchige des menschlichen Seins sichtbar zu machen. Jedoch mündet die Erkenntnis des Alleinseins in "Nacht umstellt" nicht in der Schwermut der Romantik, sondern wirkt besänftigt und ausgesöhnt. "Nacht umstellt" ist eine faszinierende Choreographie, spannend, voller Energie und Poesie, rundum gelungen, die euphorischen Beifall mit mehreren Vorhängen erntete

 

Bei einem Ballettabend liegt der Focus naturgemäß auf dem Tanz, aber wie phantastisch die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Wen-Pin Chien Schuberts "Unvollendete" darboten, sollte doch nicht unerwähnt bleiben.

 

AFTERNOON OF A FAUN von Jerome Robbins

MUSIK „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy

Choreographie: Jerome Robbins

Musikalische Leitung: Wen-Pin Chien

Bühne und Licht: Jean Rosenthal

Kostüme: Irene Sharaff

Einstudierung Anita Paciotti

Orchester: Düsseldorfer Symphoniker

 

WITHOUT WORDS von Hans van Manen

MUSIK Vier Mignon-Lieder von Hugo Wolf „ohne Worte“ nach einer Idee von Reinbert de Leeuw

Choreographie: Hans van Manen

Bühne und Kostüme: Keso Dekker

Licht: Bert Dalhuysen

Einstudierung: Mea Venema

Klavier: Stephen Harrison

Tänzerin: Julie Thirault

Tänzer: Paul Calderone, Marcos Menha, Bogdan Nicula

 

NACHT UMSTELLT (Uraufführung) von Martin Schläpfer

MUSIK 16 Deutsche Tänze D 783 von Franz Schubert / „Il suono e il tacere“ von Salvatore Sciarrino / Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 („Unvollendete“) von Franz Schubert / „Shadow of Sound“ von Salvatore Sciarrino / Mehrstimmiger Gesang „Die Nacht“ D 983c von Franz Schubert

Choreographie: Martin Schläpfer

Musikalische Leitung: Wen-Pin Chien

Bühne: Florian Etti

Kostüme: Catherine Voeffray

Licht: Thomas Diek

Tänzerinnen:

Ann-Kathrin Adam, Marlúcia do Amaral, Camille Andriot, Doris Becker, Wun Sze Chan, Mariana Dias, Feline van Dijken, Carolina Francisco Sorg, Christine Jaroszewski, Yuko Kato, So-Yeon Kim, Anne Marchand, Nicole Morel, Louisa Rachedi, Claudine Schoch, Virginia Segarra Vidal, Daniela Svoboda, Anna Tsybina, Irene Vaqueiro

Tänzer: Christian Bloßfeld, Andriy Boyetskyy, Paul Calderone, Jackson Carroll, Martin Chaix, Florent Cheymol, Philip Handschin, Antoine Jully, Marquet K. Lee, Sonny Locsin, Marcos Menha, Bruno Narnhammer, Bogdan Nicula, Chidozie Nzerem, Sascha Pieper, Boris Randzio, Alexandre Simões, Remus Sucheana, Pontus Sundset

Orchester: Düsseldorfer Symphoniker

 

Premiere 05.07.2013 - Opernhaus Düsseldorf

 

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