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"Votre Faust" - Variable Oper von Henri Pousseur und Michel Butor - Berliner Premiere

SA 30. März 2013, 19 Uhr, RADIALSYSTEM V GmbH, Holzmarktstraße 33. -----

Modernes Teufelswerk - In der Ausnahme-Oper von Henri Pousseur und Michel Butor bestimmt das Publikum über Fortgang von Musik und Story: Rettet es die Kunst oder den Künstler? Erstmalig ist diese aktualisierte Faust-Version des belgischen Musikavantgardisten in Berlin zu erleben, mit all seinen bisher ungezeigten Facetten.

Wieviel Teufelswerk braucht ein Kunstwerk: Ein Theaterdirektor gibt dem jungen Komponisten Henri

den Auftrag zu einer Faust-Oper. Zeit und Geld spielen keine Rolle. Doch statt mit der Arbeit zu beginnen, genießt Henri den unverhofften Wohlstand, lenkt sich mit Reisen ab und amüsiert sich mit Maggy und Greta.

 

Ein Künstler zwischen Pflicht und Neigung. Unversehens wird Henri zum modernen Faust, der

zwielichtige Auftraggeber sein Mephisto. Der sieht seinen Pakt in Gefahr und wendet sich an das

Publikum. Dies allein soll, mittels eines raffinierten Regelwerks, über Verlauf und Finale von Musik und

Story entscheiden. Endet der sympathische Held gescheitert in der Gosse? Gibt es ein privates Glück?

Oder ein unter Entbehrungen entstandenes Meisterwerk?

 

Künstler-Zwänge: Der Belgier Henri Pousseur zählt zu den "eigenwilligsten, phantasievollsten und

originellsten Köpfen der musikalischen Nachkriegsavantgarde" (FAZ). "Votre Faust" ist seine einzige

Oper, uraufgeführt 1969 am Kleinen Haus der Mailänder Scala, und entstanden vor dem Hintergrund

der sozialen, kulturellen und politischen Umwälzungen seiner Zeit. Pousseur und der französische

Romancier Michel Butor thematisieren entsprechend auf fulminante und amüsante Weise das Genre

Oper in seinem Beziehungsgeflecht zwischen künstlerischem Anspruch, ökonomischen Gegebenheiten

und dem Publikum. Sie spielen mit biographischen Selbstreflexionen und greifen tief in den Zitatenschatz von Literatur und Musik. Marlowe, Goethe, Gerard de Nerval, ein Sonett von Petrarca

werden mit Motiven von Mozart, Gluck, Offenbach, Webern, Stockhausen und Berio anspielungsreich

zu einer musikalisch-literarischen Collage zusammengefügt. "Eine virtuose Faust-Parodie" schrieb die

Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel: "Eines der wichtigsten Werke der Nachkriegszeit." Pousseur geht

dabei unabhängige Wege und verweigert sich den rigiden Ausgrenzungstendenzen der Musik-Avantgarde. Damit gilt er vielen als Renegat. Erst nach Rückschlägen wird "Votre Faust", mit

Unterstützung von Luciano Berio, in Mailand gezeigt. Leider nur in unvollständiger Form.

 

Die Macht des Publikums: Die Berliner Erstaufführung nimmt das idealistisch-fantastische

Musiktheater von Henri Pousseur und Michel Butor beim Wort und präsentiert "Votre Faust"

vollständig in seiner von seinen Schöpfern intendierten Form. Die Zuschauer finden sich mit

zwölf Musikern, einem Sängerquartett und fünf Schauspielern auf einem Jahrmarkt wieder, dem

Ort der ultimativen Unterhaltung. Es gibt Attraktionen und Verkaufsbuden: Tiere, Geldspiele,

Schießstände, Zuckerwatte, Hühnersuppe, Wein und Bier. Bildende Künstler wurden eingeladen,

die Buden für "Votre Faust" zu gestalten. Sie sind ebenso präsent wie das Regieteam. Das

Publikum soll mit allen ins Gespräch kommen.

 

Theatermaske und -garderoben sind sichtbar. Spannend wird, aus heutiger Sicht, ob das Publikum sich

von Pousseurs und Butors Enthusiasmus für ein demokratisches Experiment aus dem Geist der 68er

Revolte anstecken lässt oder ob es, von Castingshows und Mitmachtheater ermüdet, auf seiner Rolle als Konsument beharrt.

 

Henri Pousseur (1929 bis 2009): Nach seinem Studium in Lüttich arbeitet Pousseur dort zunächst als

Kirchenorganist, pilgert aber schon bald ins Mekka der Moderne, zu den Ferienkursen für Neue Musik nach Darmstadt. Der Austausch mit den damaligen Freunden Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen prägt ihn ebenso wie Forschungen an den Elektronischen Studios Mailand und Köln. Später unterrichtet er in Basel, Buffalo und Lüttich, wo er von 1975 bis 1995 das Konservatorium leitet. Bis zu seinem Tod entstehen etwa 150 Werke verschiedener Größe, Gattung und Besetzung.

 

Michel Butor, 1926 in der Nähe von Lille geboren, gehört in seiner Anfangszeit als Schriftsteller zusammen mit Alain Robbe-Grillet zu den sprachgewaltigsten Wegbereitern des "nouveau roman". Er studiert Philosophie an der Pariser Sorbonne. Zunächst ist er als Französischlehrer in Ägypten, England und Griechenland tätig, später wird er Lektor bei Gallimard. Ab etwa 1960 entwickelt er einen eigenen, unabhängigen Stil und beginnt seine Zusammenarbeit mit Henri Pousseur. Von 1975 bis 1991 lehrt er als Professor an der Universität Genf Französische Literatur.

 

Aufführung in deutscher Sprache - Übersetzung: Helmut Scheffel - Dauer: ca. 3 Stunden

Die Berliner Neuproduktion "Votre Faust" ist im November 2013 auch am Theater Basel zu sehen.

 

Komposition Henri Pousseur

Text Michel Butor

 

Musikalische Leitung, Gesamtleitung Gerhardt Müller-Goldboom

Regie Aliénor Dauchez und Georges Delnon

Bühne Aliénor Dauchez, Georges Delnon und Michael E. Kleine

Einzelszenenbilder Niklas Binzberger, Stefan Träger und Till Wittwer

Kostüme Miriam Marto Licht Jörg Bittner

 

Gesang Lydia Brotherton, Kerstin Stöcker, Kai-Uwe Fahnert und Martin Schubach (Vocalconsort Berlin)

 

Schauspiel Julia Reznik, Meridian Winterberg, Franz Rogowski, Peter von Strombeck und Peter Sura

Orchester work in progress - Berlin

 

SO 31. März 19 Uhr

MO 01. April 19 Uhr

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