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"Werther", Lyrisches Drama von Jules Massenet, Städtische Theater Chemnitz

Premiere: 30. Januar 2016, 19.30 Uhr im Opernhaus Chemnitz. -----

Der junge Werther verliebt sich in Charlotte, die älteste Tochter eines Witwers in Wetzlar. Bei einem Ball kommen die beiden sich näher, doch beim Nachhausebringen eröffnet ihm Charlotte im Augenblick höchster Vorfreude auf den ersten zarten Kuss, dass sie verlobt sei.

 

„Die Leiden des jungen Werther“, Schlüsselroman des Sturm und Drang, machte nicht nur seinen Schöpfer, den jungen Goethe, 1774 quasi über Nacht europaweit zu einer Berühmtheit, sondern schuf auch eine archetypische Konstellation der Romantik: die der unerfüllten, unerfüllbaren beiderseitigen Liebe. Das größte Verdienst des Romans ist zweifellos dasjenige, ein neues literarisches Männerbild erschaffen zu haben: War der Mann bis dahin auf „Ritter“ gebucht, der nach klassischen Tugenden und namentlich militärischen Maßstäben bemessen wurde, galt es plötzlich als akzeptabel, Gefühle zu zeigen und sogar in der Öffentlichkeit zu weinen. Die Romantik war angebrochen, jene Epoche, die dem zunehmend einengenden Rationalismus und Pragmatismus die irrealen Welten der Nacht, der Gefühle, der Sehnsucht und der Fantasie entgegensetzten.

 

Leicht abweichend vom Roman führt die Oper zunächst in die Familie des Amtmannes, der nach dem kürzlichen Tod der Mutter die älteste Tochter Charlotte im Haushalt vorsteht. Um die sechs jüngeren Kinder zu beschäftigen und abzulenken, übt der Vater mit ihnen ein Weihnachtslied ein, obwohl es Sommer ist. Seine Stammtischfreunde Johann und Schmidt spekulieren über Details des bevorstehenden Balls. Zu diesem wird Charlotte vom jungen Herrn Werther abgeholt – zum Verdruss ihrer nächst jüngeren Schwester Sophie, die noch nicht mitgehen darf. Nach Mitternacht bringt Werther Charlotte beschwingt nach Hause, doch im Moment größter Innigkeit informiert der Amtmann seine Tochter darüber, dass ihr Verlobter Albert heimgekehrt sei. Werther fällt in eine tiefe Depression. Als ihm einige Tage später Albert das Glück vor Augen hält, an dem er – Werther – nicht teilhaben darf, und als Sophie sich als nur scheinbar gute „Ersatz-Partnerin“ anbietet, versucht Werther, Charlotte für sich zu gewinnen. Doch sie bleibt Albert treu und bittet Werther, fortzugehen und nicht vor Weihnachten wiederzukehren. – Kurz vor Weihnachten bricht Charlotte unter der Last ihrer Gefühle zusammen, ausgelöst durch eine Flut von Briefen, die Werther ihr mittlerweile geschrieben hat. Bei ihrem Wiedersehen gibt sich Charlotte kurz der früheren Harmonie und fast auch seinen Liebesschwüren hin, fordert ihn aber dann ultimativ auf, sie zu verlassen. Werther gehorcht – und erbittet von Albert dessen Pistole „für eine lange Reise“. Als Charlotte bewusst wird, was es damit auf sich hat, ist es bereits zu spät – Werther hat sich in den Kopf geschossen und stirbt in ihren Armen. Nun endlich kann sie auch ihm ihre Liebe gestehen.

 

Werthers unglückliches Verzweifeln an seiner hoffnungslosen Liebe zu Charlotte musste einen Ur-Romantiker wie den französischen Komponisten Jules Massenet (1842-1912) fesseln. Seine Vertonung aus den 1880er-Jahren – übrigens bei weitem nicht die erste Werther-Oper – vereinigt alle Qualitäten des „lyrischen Dramas“ in sich, das er in einigen Opern zuvor kultiviert hatte. Massenet war zur Zeit der Belle Epoque zweifellos einer der erfolgreichsten Opernkomponisten überhaupt, doch seine zahlreichen Werke sind nicht einfach zu besetzen und haben die Repertoires deutscher Stadttheater daher erst zu einem kleinen Teil erreicht. „Manon Lescaut“ und „Werther“ sind die Ausnahmen, was gerade bei letzterer erstaunlich ist: In Deutschland geißelte man seinerzeit jede Verarbeitung eines Goethe-Stoffes als Sakrileg, was erklärt, warum es so wenig Opern nach Stoffen des größten deutschen Dichters gibt. Massenets „Werther“ aber eroberte nach der Uraufführung in Wien 1892 die deutschsprachigen Bühnen im Flug und blieb die bis heute erfolgreichste seiner Opern in deutschen Musiktheatern. Grund genug für das Chemnitzer Opernhaus, dieses Kleinod nun auch hier erstmals aufzuführen. „Werther“ besticht mit einer Fülle eingängiger Melodien, die aber nie in Kitsch oder Schwelgerei abgleiten, sondern nach einem klugen Motivkonzept miteinander verknüpft sind. Die hochromantische Tonsprache Massenets, die der dramaturgisch großen Fallhöhe der Handlung nahtlos folgt, setzt neben breiten Streicherkantilenen auch überraschende Effekte wie Saxophonklänge ein und lässt in bester Opern-Manier hin und wieder gleichsam die Zeit stehen, um den wertvollen Augenblick zu zelebrieren.

 

Regisseur Anthony Pilavachi setzt auf die Fallhöhe der romantischen Tragödie, indem er viele Details aus den Haupt- und Nebenfiguren herausarbeitet. Das Bühnenbild von Markus Meyer („Vasco de Gama“) spielt ihm mit einem detailreichen Kleinstadt-Realismus in die Hände, der nur vordergründig eine ohnedies trügerische Idylle bedient und Überraschungen bereithält – für die Brüche, die die Geschichte aufweist. Kern- und Angelpunkt der Inszenierung ist die genaue Personenführung namentlich der vier Protagonisten, die von großer Leichtigkeit ebenso geprägt ist wie von pointiert gesetzten Blicken und Gesten sowie zahlreichen Details, deren Nebensächlichkeit nur eine scheinbare ist.

 

Felix Bender (Dirigent)

erhielt ersten Dirigierunterricht bei Georg Christoph Biller im Thomanerchor Leipzig. Er studierte bei Rolf Reuter und an der Hochschule für Musik in Weimar bei Gunter Kahlert, Nicolás Pasquet und Anthony Bramall. Nach einem Engagement als 2. Kapellmeister am Deutschen Nationaltheater Weimar ist er seit 2013 als 1. Kapellmeister an den Theatern Chemnitz engagiert und übernahm hier die musikalische Leitung verschiedener Opernproduktionen und Konzerte, darunter „Don Giovanni“, „Norma“, „La Cenerentola“, „Lucia di Lammermoor“, „Der Graf von Luxemburg“, Beethovens Neunte sowie einige Sinfoniekonzerte. Darüber hinaus leitet er das Wendlandsinfonieorchester und die Kammerakademie Halle und pflegt eine enge Zusammenarbeit mit der Sinfonietta Leipzig. Felix Bender ist Stipendiat des Deutschen Dirigentenforums und der Künstlerliste „Maestros von morgen“.

 

Anthony Pilavachi (Inszenierung)

geboren auf Zypern, ist irischer Staatsbürger und seit 28 Jahren in Deutschland ansässig. 2012 erhielt er den ECHO Klassik für die „wichtigste, erfolgreichste und beste Ring-des-Nibelungen-Produktion der letzten Jahre“. 1986 bis 1995 war er Spielleiter an den Opernhäusern in Bonn und Köln. Seitdem international als Regisseur tätig, realisierte er mehr als 80 Inszenierungen u. a. in Berlin (Komische Oper und Deutsche Oper), Frankfurt, Leipzig, allein 18 davon am Theater Lübeck, weitere an der Houston Grand Opera, am Taipei National Theater, Theater St. Gallen, Stadttheater Bern, Landestheater Linz, Grand Théâtre de Bordeaux, bei den Dresdner Musikfestspielen, Händel-Festspielen Halle und auf der Expo 2000 in Hannover. Im Mai 2015 inszenierte Anthony Pilavachi die Welturaufführung von Gordon Gettys „The Canterville Ghost“ nach Oscar Wilde an der Oper Leipzig.

 

Markus Meyer (Bühne und Kostüme)

studierte Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule der Künste Berlin. Assistenzen führten ihn an die Deutsche Oper und das Deutsche Theater Berlin, die Staatsopern in Wien, Hamburg und Dresden. Seit 1998 ist er freischaffend tätig und arbeitet u. a. mit den Regisseuren Jakob Peters-Messer, Anthony Pilavachi und Robert Lehmeier an den Theatern Nürnberg, Bern, Kiel, Wiesbaden, Hamburg (Deutsches Schauspielhaus), den Opern in Wuppertal, Erfurt, Dublin und Tirana, dem Festspielhaus Baden-Baden, dem Teatro Nacional de Sao Carlos Lissabon, der Opéra National de Bordeaux und Opéra de Nice. Gastspiele führten ihn u. a. an das Gran Teatre del Liceu Barcelona, das Théâtre des Champs-Elysées Paris, die Stadsschouwbourg Amsterdam, zum Spoleto Festival und zu den Wiener Festwochen. In Chemnitz gestaltete Markus Meyer das Bühnenbild zu Mascagnis „Iris“, Gounods „Faust“, Puccinis „Tosca“ und Meyerbeers „Vasco de Gama2.

 

Nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“

(Chemnitzer Erstaufführung)

 

Musikalische Leitung: Felix Bender

Inszenierung: Anthony Pilavachi

Bühne und Kostüme: Markus Meyer

 

Mit: Timothy Richards (Werther), Cordelia Katharina Weil (Charlotte), Andreas Beinhauer (Albert), Guibee Yang/Franziska Krötenheerdt (Sophie), Matthias Winter (Le Bailli), Andreas Kindschuh (Johann), Edward Randall (Schmidt), Thomas Mäthger (Brühlmann), Michaela Görg (Käthchen), Mitgliedern des Kinder- und Jugendchores der Oper Chemnitz. Es spielt die Robert-Schumann-Philharmonie.

 

Die nächsten Vorstellungen sind am 20. Februar, 19.30 Uhr, am 6. März, 18.00 Uhr

sowie am 13. März, 15.00 Uhr im Opernhaus Chemnitz.

 

 

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