Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
"Wunschloses Unglück" nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke, Burgtheater Wien"Wunschloses Unglück" nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke,..."Wunschloses Unglück"...

"Wunschloses Unglück" nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke, Burgtheater Wien

Premiere im Kasino, 9. Februar 2014, 20.00 Uhr. -----

„Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist, und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte.“

Doch nicht allein der Versuch, die äußerste Sprachlosigkeit zur Sprache zu bringen, bewegt den 28 Jahre alten, bereits sehr erfolgreichen Autor Peter Handke dazu, den Freitod seiner Mutter zum Anlass für ein literarisches Experiment zu nehmen. Es ist zudem sein Anliegen, ihren Selbstmord in seiner Trauer zu einem FALL zu machen: „Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus den Übereinstimmungen und Widersprüchen ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit.“

 

Das Ergebnis dieses Schreibens ist eine Erzählung, die auch mehr als 40 Jahre nach ihrer Entstehung im Jahr 1972 eine verstörende Aktualität bewahrt hat; in der Schilderung einer einzigartigen Allerweltsgeschichte, entscheidend geprägt vom Anschluss Österreichs 1938, entsteht poetisch und präzise die Erinnerung an eine einst lebensfrohe Frau, die versucht, ihrer bäuerlichen Herkunft im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, inmitten sozialer Repression und religiösem Dogmatismus, zu entkommen. Eine Mutter von vier Kindern, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem Leben jenseits der häuslichen Pflichten sucht und an den sogenannten Umständen scheitert. Am Ende dieses beklemmenden Frauenschicksals steht die minutiös geplante Selbsttötung als einziger Ausweg. Handkes tastende, gedankenscharfe und gänzlich unsentimentale Suche nach der Lebensgeschichte seiner Mutter und die gleichzeitige Skizzierung einer gebrandmarkten Frauengeneration verweigert jedes abgeschlossene Bild.

 

Wunschloses Unglück ist zudem eine fortwährende Auseinandersetzung mit dem biografischen Aspekt des Schreibens: „ – dieses Mal aber, da ich nur der Beschreibende bin, nicht aber die Rolle des Beschriebenen annehmen kann, gelingt mir das Distanznehmen nicht. Nur von mir kann ich mich distanzieren, meine Mutter wird und wird nicht, wie ich sonst mir selber, zu einer beschwingten und in sich schwingenden, mehr und mehr heiteren Kunstfigur. Sie lässt sich nicht einkapseln, bleibt unfasslich, die Sätze stürzen in etwas Dunklem ab und liegen durcheinander auf dem Papier.“

 

Die britische Regisseurin Katie Mitchell, international bekannt durch ihre geradezu radikal präzisen und nicht weniger magischen, stark filmisch orientierten Arbeiten im Theater, zeigte im letzten Jahr bei den Wiener Festwochen mit großem Erfolg die Oper „Written on Skin“ und erhielt für ihre Kölner Inszenierung „Reise durch die Nacht“ den Nestroypreis 2013 für die „Beste deutschsprachige Aufführung“. Mitchell wird sich nun jenem wohl persönlichsten Stoff Peter Handkes im Kasino nähern und damit zugleich ihr Debüt am Burgtheater geben.

 

In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

- See more at: www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php

 

 

Bearbeitung für die Bühne Duncan Macmillan

 

Regie: Katie Mitchell –

Bühne: Lizzie Clachan –

Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen –

Musik: Paul Clark –

Sounddesign: Gareth Fry, Melanie Wilson –

Video: Finn Ross –

Bildregie: Grant Gee –

Kamera: Sebastian Pircher, Andreas Hartmann –

Licht: Jack Knowles –

Dramaturgie: Amely Joana Haag

 

Mit: Liliane Amuat, Dorothee Hartinger, Petra Morzé, Ruth Sullivan; Peter Knaack, Robert Reinagl, Laurence Rupp, Daniel Sträßer u. a.

 

Dienstag, 11.02.2014 | 20.00 UhrKasino

Mittwoch, 12.02.2014 | 20.00 UhrKasino

Donnerstag, 13.02.2014 | 20.00 UhrKasino

Samstag, 15.02.2014 | 20.00 UhrKasino

Montag, 17.02.2014 | 20.00 UhrKasino

 

 

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 17 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑