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Zwei Musiktheaterpremieren im Landestheater Linz

"La Calisto" von Francesco Cavalli

Premiere am 13. Dezember 2008 um 19.30 Uhr im Großen Haus

und

"Amahl und die nächtlichen Besucher" von Gian Carlo Menotti

Premiere am 14. Dezember 2008 um 19.30 Uhr in den Kammerspielen

"La Calisto" von Francesco Cavalli, Dramma per musica, Libretto von Giovanni Faustini, Uraufführung Venedig, Teatro S. Apollinare 28. November 1651

 

Handlung

Gott Jupiter hat ein Auge auf die Nymphe Calisto geworfen, die eine Gefährtin der Jagdgöttin Diana ist und ein Keuschheitsgelübde abgelegt hat. Um die Nymphe zu erobern, vertraut Jupiter wie üblich weniger auf seine Verführungs- denn auf seine Verwandlungskünste. Ausgerechnet in Gestalt der keuschen Jagdgöttin nähert er sich der nichts ahnenden Nymphe. Der Schäfer Endimione dagegen ist ein aufrichtig Liebender. Leider ist niemand anderes als Diana seine Herzensdame, die seine Liebe offiziell nicht erwidern darf. Calisto wundert sich, dass ihr Diana eben noch so liebestoll, jetzt wieder

streng und keusch entgegen tritt. Bald wird deutlich: Sie ist auf einen Betrug hereingefallen. Da naht bereits Jupiters eifersüchtige Frau Juno, die nach der Ehebrecherin sucht, um sich an ihr grausam zu rächen.

 

Francesco Cavallis La Calisto ist eine venezianische Barockoper, und „venezianische Barockoper“ ist Synonym für Volkstheater im besten Sinne. „Schwellenangst“ vor „Hochkultur“ – das ist Angesichts solcher Kunst fehl am Platz. Dass das so ist, liegt daran, dass Oper in Venedig eine öffentliche Kunst war. 1637 war in Venedig das erste von bald über einem dutzend Opernhäusern eröffnet worden, das man nicht auf Einladung eines Fürsten oder Königs betrat, sondern nach dem Bezahlen eines Eintrittsgeldes. Wer Theater als Unternehmen betreibt – darin waren die Venezianer dem Engländer Shakespeare mit seinem Globe Theatre ähnlich –, der wird schauen, dass er möglichst viele Menschen von seinem Angebot begeistert. Er wird darauf achten, Zuschauer aus allen Schichten mit ganz unterschiedlicher Bildung anzusprechen. War etwa Claudio Monteverdis L’Orfeo, 1607 am Hof von Mantua aufgeführt, noch ein klassisches Beispiel für höfische Kunst, so sind die Opern von Francesco Cavalli und der seiner Mitstreiter eine Kunst für alle. Das heißt jedoch nicht, dass das Niveau auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gesenkt wurde. Die Lösung war eine andere. Die im Herbst 1651 im Teatro S. Apollinare uraufgeführte Oper La Calisto ist ein Musterbeispiel

für diese Lösung. Giovanni Faustino stellte in seinem Libretto die Weichen dafür. Als „favola decima“, so das Libretto, gehört La Calisto zu den letzten Arbeiten des 1651 verstorbenen Dichters und profitiert von dessen großer Erfahrung.

 

Dass nicht das Schauspiel, sondern gerade die Oper in Venedig damals so beliebt war, das ist der ohrenfälligen Musik von Francesco Cavalli (1602-1676) zu verdanken. Cavalli war ein Schüler Monteverdis, der mit L’Orfeo (Landestheater Linz 2005/06) als einer der „Erfinder“ der Oper gilt. Das Aufwändig-prunkvolle des Höfischen hat Cavalli abgestreift – große Instrumentalensembles und Chöre waren auf den streng unternehmerisch geführten Bühnen sowieso unmöglich. Stattdessen pflegt Cavalli das

berühmte „recitar cantando“, den Sprechgesang nach Art seines Lehrers. Aber dieser stellt nicht mehr wie bei Monteverdi den Hauptteil des solistischen Singens dar. Im Zentrum steht jetzt etwas anderes: Cavalli stattet seine Figuren mit einer ungekannten Fülle von Gesangstücken aus. Cavalli schreibt kurze Arien und Ensembles, die in eingängigen Melodien die Gefühle des jeweiligen Protagonisten auf den Punkt bringen. Mit den langen, fast konzertant wirkenden Arien der Zeit Händels zwei Menschenalter später sind sie nicht zu verwechseln.

 

Außerdem hat Cavalli seine Arien fast immer auf der Basis von Tanzrhythmen komponiert – durchaus ein wenig so wie die Operetten- und Musicalkomponisten der letzten beiden Jahrhunderte. Die venezianischen Komponisten allgemein haben Melodien komponiert, die man nachsingen konnte, die nicht von der gesangstechnischen Versiertheit der Profis abhängig waren. Solches Musik-Volks-Theater ist in den letzten Jahren nicht nur auf Alte-Musik-Festivals, sondern auch den Bühnen vieler Theater wieder heimisch geworden. La Calisto zeigt, dass man „Hochkultur“ und „Popkultur“ miteinander verbinden kann – zumindest, wenn die immerhin 300-jährige Popkultur sich als so fit erweist wie bei Faustini und Cavalli.

 

Francesco Cavalli (1602-1676)

Der italienische Komponist und Organist Francesco Cavalli wurde am 14. Februar 1602 als Pier Francesco Caletti-Bruni in Crema geboren. Wie im 17. Jahrhundert durchaus üblich, nahm er den Namen seines Gönners und Mäzens, eines venezianischen Adligen, an und trat somit fortan als Francesco Cavalli in Erscheinung. Er wurde 1617 Sänger an San Marco in Venedig, 1639 zweiter Organist und 1665 erster Organist. Schließlich wurde er 1668 maestro di cappella. Er begann im Jahr 1639 für die Bühne zu schreiben (Le Nozze di Teti e di Peleo), und wurde zum wichtigsten Opernkomponisten seiner Zeit. Er erreichte schließlich eine so hohe Reputation, dass er 1660 nach Paris gerufen wurde, um dort eine Oper (Serse) zu Ehren der Hochzeit von Ludwig XIV. zu schreiben. Er besuchte 1662 nochmals Paris, um seinen Ercole amante

herauszubringen. Cavalli starb 1676 in Venedig. Es sind insgesamt 27 Opern von Cavalli überliefert.

 

Musikalische Leitung Willam Mason/Sigurd Hennemann

Inszenierung Matthias Davids

Bühnenbild Marina Hellmann

Kostüme Leo Kulaš

Dramaturgie Felix Losert

CALISTO

Anja-Nina Bahrmann/Gotho Griesmeier

GIOVE

Alik Abdukayumov/Nikolai Galkin

DIANA/GIOVE IN DIANA

Elsa Giannoulidou

LINFEA

Matthäus Schmidlechner/Iurie Ciobanu

SATIRINO

Armin Gramer/Thomas Lichtenecker

GIUNONE

Cheryl Lichter/Karen Robertson

ENDIMIONE

Armin Gramer/Matthew Shaw

PANE

Mark Calvert/Christian Zenker

MERCURIO

Martin Achrainer/Isaac Galán

SILVANO

Klaus-Diether Lerche/Florian Spiess

FURIA 1

Gabriele Salzbacher/Junko Baba

FURIA 2

Armin Gramer/Thomas Lichtenecker

BRUCKNER ORCHESTER LINZ

 

***

 

"Amahl und die nächtlichen Besucher" von Gian Carlo Menotti

Weihnachtsoper in einem Akt

Musik und Libretto von Gian Carlo Menotti

Deutsche Fassung von Kurt Honolka

 

Alljährlich zur Weihnachtszeit fiebern Kinder dem Heiligen Abend entgegen …

In seiner Oper Amahl und die nächtlichen Besucher schildert Gian Carlo Menotti die Ereignisse der Weihnacht aus der Sicht des kleinen körperlich behinderten Hirtenbuben Amahl, der mit seiner verwitweten Mutter in ärmlichen Verhältnissen lebt. Um für sich und ihren Sohn Essen besorgen zu können, musste die Mutter fast alles Hab und Gut veräußern und steht nun vor dem Nichts. Während sie angesichts der auswegslosen Situation zu verzweifeln droht, flüchtet sich Amahl in phantastische Geschichten und

versucht seine Mutter damit aufzumuntern.

 

Eines Abends entdeckt er am nächtlichen Abendhimmel einen außergewöhnlich hell leuchtenden Abendstern, der einen Schweif hinter sich herzieht. Als er seiner Mutter davon berichtet, glaubt diese darin wieder nur eine Träumerei ihres Sohnes zu erkennen. Doch als drei prächtig gekleidete und mit wertvollen Geschenken beladene Könige nebst Pagen bei ihnen um Unterkunft bitten, erfahren beide von der Geburt eines Kindes und welche Bewandtnis es mit dem Himmelskörper hat: Der Stern weist den Königen

Balthasar, Melchior und dem schwerhörigen Kaspar den Weg zu dem verheißungsvollen Neugeborenen. Die Wunder dieser Nacht sollen schließlich auch für Amahl und seine Mutter nicht folgenlos bleiben …

 

Der Komponist Gian Carlo Menotti hat sich für diese Weihnachtsoper von den

Erinnerungen an seine eigene Kindheit inspirieren lassen. Eigens für das Fernsehen komponierte er dieses Werk und wollte damit ausdrücklich ein junges Publikum für die Oper gewinnen. Deshalb verfügte er auch, dass die Rolle des Amahl für alle Zeiten nur von einem Bub gesungen werden darf.

Die Oper wurde ein fulminanter Erfolg: 5 Millionen Zuschauer vermochte bereits die Erstausstrahlung am Heiligen Abend 1951 vor den Fernseher zu locken – eine für die damalige Zeit astronomische Einschaltquote. Die Oper gehört auch heute noch zu den meist gespielten Opern der Welt und markiert Gian Carlo Menottis künstlerischen Höhepunkt.

 

Musikalische Leitung Georg Leopold/Boris Sytarski

Inszenierung Magdalena Fuchsberger

Bühne und Kostüme Richard Stockinger

Chorleitung Georg Leopold

Dramaturgie Sarah Schäfer

Gero Griesmeier/Matthias Trattner Amahl

Karin Behne/Danuta Leopold-Moskalik Mutter

Eugen Fillo/Csaba Grünfeld Kaspar

Marius Mocan/Markus Schulz Melchior

Boris Daskalov/Siegfried Dietrich Balthasar

Jochen Bohnen/Jonathan Whiteley Der Page

Chor des Landestheaters Linz

Bruckner Orchester Linz

 

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