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Kritiken

Die ewige Wiederkehr

 

Das Leben ein Spiel? Aus Sicht des Teufels, der in Joël Pommerats "Kreise/Visionen" als Conférencier getarnt das große Unendlichkeitsspiel durchführt, sicherlich. Wieweit bleibt man sich selbst treu und welche Konsequenzen ergeben sich aus Handeln ober auch Nichthandeln? Lässt man sich betrügen und korrumpieren, betrügt man sich selbst, verkauft sich und seine Werte? Wann ist es angemessen,…

Festival tanz nrw im Tanzhaus NRW Düsseldorf

 

Von der Vielfalt der Tanzszene in Nordrhein-Westfalen konnte man sich mittlerweile schon zum fünften Mal bei der Biennale tanz nrw überzeugen. In Düsseldorf bot das Tanzhaus NRW an einem Abend gleich drei Stücke an.

 

"The boy who cries wolf" von Reut Shemesh & Overhead Project

 

Die in Köln lebende israelische Choreografin Reut Shemesh startete mit "The boy who cries wolf". Jenseits von…

Bibeltheater

 

Ein neues Theaterstück soll geprobt werden. Nichts Geringeres als die Geschichten der Bibel von der Schöpfung bis zur Auferstehung sind das Thema des Dramas, das Jay inszeniert. Die Probenzeit beträgt sieben Tage, genauso so lange wie die Schöpfung der Welt laut Bibel selbst gedauert hat. Das kann nicht gut gehen! Und schon bald versinkt alles im Chaos: die Schauspieler verweigern sich, der…

Lebenskampf

 

Ein dunkler Raum, eine Karree voller Sand, in dem sich sechs liegende Männer im Zeitlupentempo um die eigene Achse drehen, monotoner, ohrenbetäubender Motorenlärm, der die Sinne abstumpft, betäubt. Irgendwann lässt sich dazwischen das Geräusch der Meeresbrandung ausmachen. Die erschöpft wirkenden Körper erwachen zu Leben, raffen sich auf, nehmen Beziehung zueinander auf, bis sie aggressiv und…

Zwischen Himmel und Erde

 

Auf einer Galerie im Bühnenhintergrund sind Kleiderpuppen mit kostbaren Krinolinen-kostümen drapiert. Sie sind das einzige Requisit für eine ansonsten leere Bühne in Martin Schläpfers neuestem choreographischen Werk zu Mozarts "Symphonie in G-Moll". Mit eleganter Wehmut erzählt Schläpfer von Paarbeziehungen und hauptsächlich vom Tanz in einer vergangenen Welt. Er kontrastiert die Hofgesellschaft…

Süsse Klänge und propagandistische Wucht

 

Als Marlene Dietrich im Zweiten Weltkrieg vor amerikanischen Soldaten auftritt, kämpft sie auf ihre Art an vorderster Front. Sie schenkt Ablenkung, motiviert durch gute Laune, verhilft zu einem Stück Normalität im Kriegsgrauen. Dem Beispiel der Dietrich folgen weitere Sänger, Unterhaltungskünstler, Showgirls. Hier setzt Jürgen R. Weber mit seiner Revue „Frontgarderobe“ an. In Liedern, Tanz und…

Bezaubernd schön

 

Unerwiderte Liebe ist zum Verzweifeln! Das erfährt auch Nemorino, der die schöne und reiche Adina anschwärmt. Als der Sergeant Belcore ebenfalls um Adina wirbt, als sogar eine baldige Hochzeit anvisiert wird, ist Nemorino gezwungen, zu handeln. Da kommt der Scharlatan Dulcamare wie gerufen. Angeregt durch Adinas Erzählung von Tristan und Isolde bittet Nemorino ihn um einen Liebestrank. Dulcamare…

Rendezvous mit dem Pizzaboten

 

Schneewittchen herzt und küsst den alten Vater liebevoll. Die böse Stiefmutter indes streckt angewidert die Hand nach dem Mann im Rollstuhl aus, verweigert einen Kuss auf die Wange und will nur eins: schön sein auf dem Laufsteg. Menschliche Wärme prallt in dem Crossover-Tanzprojekt „Schneewittchen – Breaking Out“ im Mainfranken Theater auf Schönheitswahn. Ballettdirektorin Anna Vita verpflanzt…

Mutterschaft

 

Dualistisch ist das Drama "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann angelegt. Einerseits die tragische Geschichte um Frau John, deren Sohn kurz nach der Geburt gestorben ist und die die ungewollt schwangere Pauline Piperkarcka dazu überredet, das Kind auszutragen und ihr zu übergeben. Ihrem Mann täuscht sie vor, dass der Säugling sein Sohn sei. Als Pauline dann ihr Kind zurückfordert, kommt es zur…

Todesarten

 

Drei inhaltlich sehr unterschiedliche Einakter hat Giacomo Puccini zu "Il trittico" zusammengefasst. Da ist zum einen "Gianni Schicchi", das in der Renaissance in Florenz spielt, sich komisch mit Erbstreitigkeiten und Testamentsschwindel im großbürgerlich-familialen Kreis auseinandersetzt und dies in bester Commedia dell arte Tradition. Da dieses Stück auch der Ausgangspunkt für Puccinis Projekt…

„BACH / PASSION / JOHANNES“

 

In mittelalterlichen skulpturalen Passionsgruppen sieht man sie manchmal: die Menschen aus dem Volk, die dem Geschehen mit offenen Mündern erstarrt zuschauen. Und diese Position sieht man in Laurent Chétouanes Interpretation der Johannespassion von Bach häufig. Die Leidensgeschichte Jesus beginnt in seiner Inszenierung mit Jesu Kreuzigung. Die letzten Stunden werden hier nicht nur aus dessen…

Ein Künstlerleben

 

Von ihrem Geliebten Theseus verlassen, sitzt Ariadne trauernd auf Naxos und sehnt den Tod herbei, bis sie von Gott Bacchus begehrt wird und neue Freude erfährt. So kurz ließe sich der Inhalt der Oper "Ariadne auf Naxos" beschreiben, hätten Richard Strauss und Hugo von Hoffmannsthal nicht ihre Erfahrungen mit der Uraufführung 1912 in Stuttgart in ein Vorspiel einfließen lassen. Die Aufführung der…

Sehnsucht

 

Gemessen schreitet Raimund Hoghe in Stöckelschuhen über die Bühne zu Beginn seines neuen Stückes "Quartet", das jetzt im Tanzhaus NRW uraufgeführt wurde. Er verteilt dabei aus einem Säckchen goldene, nussartige Kugeln auf dem Boden. Er nimmt sich Zeit und schafft so eine Ruhe und Konzentriertheit, die sich auch auf das Publikum auswirkt. Wie ein Ritual wird im weiteren Verlauf des Stückes das…

Lebensfreude

 

Das Leben ein Vergnügen! Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man das Gemeinschaftswerk „Coup Fatal“ von KVS & les ballets C de la B/Serge Kakudji, Rodriguez Vangama, Fabrizio Cassol, Alain Platel im Tanzhaus NRW sieht. „Coup Fatal“ ist eher Konzert denn Tanztheater, da die Bewegungen lediglich der Untermalung oder Erläuterung der Musik dienen. Barockmusik trifft auf zeitgenössische und…

Nachdenken über den Tanz

 

Serenade von George Balanchine, Alltag (Uraufführung) von Hans van Manen, Johannes Brahms - Symphonie Nr. 2 von Martin Schläpfer. -

 

Mit "Serenade" eröffnet der 21. Ballettabend unter der Ägide von Martin Schläpfer. 1934 entstanden und dann jahrelang weiterentwickelt, huldigt George Balanchine dem klassischen, romantischen Balletttanz. Großartige Formationen und Symmetrien, die duftige weiße…

Es war einmal

 

Strukturwandel ist das Thema der drei unter dem Titel "Recording Fields" produzierten Auftragswerke, die zugleich eine Reminiszenz an die in Nord- und Osteruropa längst aufgegebene Bergbau- und Industriearbeit sind. Schlesien, Nordrhein-Westfalen und die Region Nord-Pas de Calais sind dafür beispielhaft. Herausgekommen sind drei stilistisch sehr unterschiedliche Choreographien, die sich mit dem…

Die Traumfabrik

 

Offenbar hat sich der Regisseur Àlex Rigola von der Tatsache, dass Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ von Liebesverwicklungen handelt, dazu angeregt gefühlt nach heutigen Parallelen zu suchen. Gelandet ist der dabei in Andy Wahrhols in den 1960er Jahren sehr hippen Factory-Kommune. Das war dann auch schon gestern. Diese Factory war für ihre Freizügigkeit bekannt. Daher fährt Puck auf dem…

Ein Feuerwerk an Ideen

"1927", so nennen Suzanne Andrade und Paul Barritt ihre Performancegruppe, die jetzt zusammen mit Barrie Kosky in einer Kooperation mit der Komischen Oper in Berlin und der Deutschen Oper am Rhein Mozarts "Zauberflöte" neu inszeniert hat. Der Name ist zugleich Programm, denn es finden sich zahlreiche Referenzen auf den Stummfilm der 1920er Jahre. So erinnert Pamina an Louise Brooks, Tamino an…

Fragilität des Seins

 

Einen Blick in die unendlichen Weiten des Universums ermöglichte das Hubble-Weltraumteleskop. Von diesen Bildern hat sich Adriana Hölszky für ihre Komposition "Deep Field" anregen lassen, eine Auftragsarbeit für Martin Schläpfers Balletcompanie an der Deutschen Oper am Rhein. Entstanden ist eine 10phasige Raumklangkomposition, deren einzelne Elemente mit Titeln benannt sind: "Delirium, Erde,…

Begrenzter Raum

 

Ein Sofa ist gemeinhin der Inbegriff der Gemütlichkeit. Dem ist nicht so in Reinhild Hoffmanns "Solo mit Sofa". Über eine Lehne des Möbels hingestreckt liegt eine Frau zu Beginn des Stückes. Mit dem Überwurf ist sie unentrinnbar verbunden, ist er doch zugleich Verlängerung ihres Gewandes. Bewegungen sind deshalb nur in einem gewissen Rahmen möglich, denn der Radius ist dadurch eingeschränkt. In…

It's a man's world

 

Es gab Zeiten, da konnte man die Windrichtung anhand des Niederschlags der Rußpartikel auf der Fensterbank bestimmen. Es gab Zeiten, da definierte sich eine ganze Region über den Steinkohlebergbau und die Stahlherstellung, da stand der Kumpel als Synonym für den Wiederaufbau. Susanne Linke zeigt in ihrem Stück "Ruhr-Ort" die Welt jenseits des Mythos des fröhlich auf Schacht fahrenden Bergmanns.…

Kein Anschluss

 

Während das Publikum noch auf den Beginn der Vorstellung wartet, klingelt irgendwo ein Telefon, klingelt und klingelt, niemand hebt ab. Ein Schuss fällt. Der Bühnenvorhang öffnet sich. In einem Sessel sitzend stirbt Werther in einem langen Todeskampf, in dem er sein Leben wie in einem halluzinierten Traum an sich vorüber ziehen lässt. Als Rückblick jedenfalls inszeniert Joan Anton Rechi…

Leere Versprechungen

 

Jenseits von Makartscher Schwülstigkeit inszenierte Joan Anton Rechi Emmerich Kálmáns Operette "Die Csárdásfürstin". In einem mondänen Ambiente, angelehnt an das 1910 von Adolf Loos entworfene Gebäude für das Nobelgeschäft Goldman & Salatsch in Wien, spielt sich die Liebelei zwischen dem gefeierten Varietéstar Sylva Varescu und Edwin, dem reichen Fürstensohn, ab. Immer wieder zerschlagen sich…

Wenn Theater zum Film wird

 

„Fromm und gewöhnlich“ ist Mendel Singer. Ärmlich wohnt er in einem russischen Dorf mit vier Kindern und seiner Frau Deborah, die er einst genoss, der er sich dann verschloss. Die Liebe zu verweigern war wohl die einzige Sünde dieses gläubigen Menschen. Nach der biblischen Geschichte „Hiob“ schrieb Joseph Roth den gleichnamigen „Roman eines armen Menschen“, holzschnittartig, Satz für Satz genau…

Mutmassungen über Willie

 

Eine Landschaft aus Stahlskeletthügeln, wie nach einer Katastrophe, eine ort- und zeitlose Welt. Mittendrin ein blauer Hügel, in dem Winnie bis zur Taille feststeckt. Der blaue Hügel als Welt, als Sinnbild für die Sehnsucht, die sie immer noch trägt? Winnie plappert unentwegt vor sich hin, pflegt sich, versucht die Contenance zu wahren, im Gegensatz zu ihrem Ehemann Willie, der sich scheinbar…

Beziehungsmuster

 

Was Nussknacker nachts treiben, so dass Maschinen irrtümlich als bezaubernde Mädchen erachtet werden, haben wir bereits in der Tanzgeschichte erfahren. Im 21. Jahrhundert sehen die Wesen, die uns in der Phantasie beschäftigen, aber ganz anders aus. Antoine Jully hat für seine Choreographie "Hidden Features" seinen Computer aufgeschraubt und sich von den Komponenten inspirieren lassen. So…

Momentaufnahmen der 1920er Jahre

 

Stummfilm, Radio, Kabarett, Revue, Modetänze, Jazz, episches Theater, neue Tendenzen der bildenden Künste, aber auch Gesellschaftskritik finden Nachhall in Karl Amadeus Hartmanns 1929-1930 komponiertem und von Erich Bormann librettiertem "Wachsfigurenkabinett". Es sind Momentaufnahmen des Lebens der 1920er Jahre. Die fünf kleinen Opern, überwiegend nur als Skizzen erhalten, wurden von Günter…

Lüge und Wahrheit

 

Alkohol löst die Zunge, enthemmt. In Iwan Wyrypajews Stück "Betrunkene" gibt es jedoch kein Gelalle, handelt sich doch durchweg um gutsituierte Personen, - Banker, Manager, Models -, die bei einer Festivität zu tief ins Glas geblickt haben und jetzt sturzbetrunken sind. Im Laufe eines Abends treffen sie auf der Straße einer Stadt aufeinander. Da wird dann eher über den Sinn des Lebens…

Ein glänzendens Parkett

 

Illusionistische Räume sucht man in dieser Inszenierung der "La Traviata" von Andreas Homoki vergebens. Die Bühne, eine spiegelnde, leicht schräg abfallende, glatte Fläche: sie symbolisiert das glänzende Parkett, auf dem Violetta sich bewegt, dient als Metapher für den trügerischen Schein. Zwar lebt sie ein luxuriöses Leben, unterhält einen Salon, in dem sich tout Paris trifft, aber…

Turbulenter Urlaub

 

Als alpenländische Fernsehklamotte hat sich das Singspiel "Im weißen Rössl" in die Erinnerung eingebrannt. Dass es sich bei der Uraufführung 1930 in Berlin noch ganz anders anhörte, nämlich viel jazziger, spritziger zeigt die 2009 wiederentdeckte Originalpartitur, komponiert für 80 Musiker. Es versteht sich von selbst, dass das natürlich nicht in jedem Haus umgesetzt werden kann. Mit kleinem,…

Kritiken

Distanziert

Man hat sich fein gemacht für das Fest bei den Capulets, alles glänzt und glitzert, die Damen tragen weite Tellerröcke…

Von: Dagmar Kurtz

Zwischen Leichtigkeit und Schwere

Mit gleich drei neu konzipierten Stücken wird das Düsseldorfer Publikum vom Ballettabend "B39" in der Deutschen Oper am…

Von: Dagmar Kurtz

Der Sturm im Wasserglas

Ein schwarzgekleideter Mann in einer Sporthose mit den drei berühmten Streifen und mit Motorradhelm steht auf der Bühne,…

Von: Dagmar Kurtz

Stilwechsel

Ein Stück von John Ford, einem Zeitgenossen William Shakespeares, bildet die Grundlage für das Libretto der soeben…

Von: Dagmar Kurtz

Abwärts

Haushohe Bretterverschläge, die sich verschieben, sich verdrehen, zu Labyrinthen werden, in denen sich K. in der…

Von: Dagmar Kurtz

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