Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Ein Irrtum Ein Irrtum Ein Irrtum

Ein Irrtum

"Madama Butterfly" von Giacomo Puccini in der Deutschen Oper am Rhein - von Dagmar Kurtz

"America forever": diese Hymne scheint das Leitmotiv für Joan Anton Rechis Inszenierung von Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" für die Deutsche Oper am Rhein zu sein, und so lässt er den ersten Akt in einem mit korinthischen Säulen pompös ausstaffierten amerikanischen Konsulat spielen. Hier wird die Ehe zwischen Pinkerton und Cio-Cio-San/Butterfly angebahnt und auch vollzogen.

Copyright: Hans Jörg Michel

Das gemeinsame Haus ist nur ein Miniaturmodell. Japonismen kommen nur vereinzelt vor, etwa in einem bezaubernd ausge­leuchteten Bild der mit Papierschirmen eintreffenden Verwandten. Dass diese Ehe für Pinkerton nur ein zeitlich begrenztes Arrangement ist, macht sich Cio-Cio-San nicht klar. Sie ist vernarrt in ihn, versucht sich an amerikanische Gepflogenheiten anzupassen und gibt für ihn alles auf. Sie wechselt sogar ihre Religion und wird daraufhin von ihrer Familie verstoßen. Pinkerton dagegen ist die personalisierte Ignoranz: die japanische Kultur, ihre Sitten und Gebräuche und auch die Gefühle Butterflys interessieren ihn nicht. Allen Warnungen zum Trotz, dass für Butterfly die Ehe eine ernsthafte Angelegenheit sei, setzt er sich über alle Bedenken hinweg.

Am Ende des ersten Aktes hört man Motorengeräusche, ein Aufleuchten und die Säulen krachen zusammen. Es ist eine Anspielung auf den Atombombenabwurf auf Nagasaki, der möglicherweise aus der Bekanntheit des Ortes durch diese Oper resultiert, denn ursprüng­lich war ein anderer Ort, der wetterbedingt nicht angeflogen werden konnte, für den Abwurf vorgesehen.

In dieser Ruinenlandschaft haust fortan Cio-Cio-San zusammen mit ihrem Kind in einem mit einer amerikanischen Flagge bedeckten Zelt. Zugleich sind diese Trümmer Gleichnis für ihre Seelenlandschaft, denn Pinkerton hat sie verlassen. Drei Jahre lang hofft sie vergebens, dass er wiederkehrt. Endlich taucht ein Schiff mit Pinkerton an Bord auf. Cio-Cio-San wartet eine ganze Nacht vergeblich auf sein Kommen. Am nächsten Tag erscheint eine amerikanische Frau, und Butterfly ahnt, dass ihr Warten vergeblich war. Es ist Pinkertons neue Ehefrau, die von ihr die Übergabe des Kindes wünscht. Aller Illusionen beraubt, begeht Butterfly rituellen Selbstmord.

Joan Anton Rechi legt in seiner Inszenierung den Fokus auf das arrogante und ignorante, kolonialistisch geprägte Gehabe Pinkertons, etwas zu kurz kommt dabei das Beziehungsgeflecht zwischen ihm und Butterfly, da sie sich kaum anspielen. Die naiven, schwärmerischen Erwartungen eines 15-jährigen Mädchens erscheinen kaum nachvollziehbar. Mit weichem Timbre überzeugte Liana Aleksanyan in der Rolle der Cio-Cio San gesanglich. Bogdan Baciu begeisterte als Sharpless, Zoran Todorovich als Pinkerton, obwohl stimmlich ebenfalls überzeugend, wirkte dagegen etwas hölzern. Hervorragend musizierten die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Antonino Fogliani. Das Publikum zollte dem Ensemble euphorischen Beifall.

Tragedia giapponese in drei Akten
Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa nach einem Bühnenstück von David Belasco
Eine Koproduktion mit dem Festival Castell de PeraladaIn italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
 

  • Musikalische Leitung: Antonino Fogliani
  • Inszenierung: Joan Anton Rechi
  • Bühne: Alfons Flores
  • Kostüme: Merce Paloma
  • Licht: Volker Weinhart
  • Chorleitung: Christoph Kurig
  • Dramaturgie: Bernhard F. Loges
     
  • Cio-Cio-San: Liana Aleksanyan
  • Suzuki: Emma Sventelius
  • Pinkerton: Zoran Todorovich
  • Sharpless: Bogdan Baciu
  • Goro: Johannes Preißinger
  • Der Fürst Yamadori: Peter Aisher
  • Onkel Bonzo: Peter Nikolaus Kante
  • Kate Pinkerton: Maria Boiko
  • Yakusidé: Zheng Xu
  • Der kaiserliche Kommissar: Sebastià Peris
  • Der Standesbeamte: Ingmar Klusmann
  • Die Mutter Cio-Cio-Sans: Diana Klee
  • Die Base: Angela Froemer
  • Die Tante: Karolin Zeinert
  • Das Kind: Aline Messerer
  • Chor der Deutschen Oper am Rhein
  • Düsseldorfer Symphoniker
     

Premiere 18.11.2017, Opernhaus Düsseldorf

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 17 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑