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Distanziert

"Roméo et Juliette" von Charles Gounod in der Deutschen Oper am Rhein

Man hat sich fein gemacht für das Fest bei den Capulets, alles glänzt und glitzert, die Damen tragen weite Tellerröcke oder Cocktailkleidchen und etwas zu viel Pailletten, der Hausherr erscheint im kanariengelben Zweireiher. Im Salon gibt es eine Felswand, vor dieser steht Juliette, die schöne Tochter des Gastgebers, inmitten der Festgesellschaft wie eine Felsgrottenmadonna, die sich auch tatsächlich als Statue im Felsen befindet.

Copyright: Hans Jörg Michel

Eine Anspielung auf den 15. August, Mariä Himmelfahrt. Ein Blick ins Programmheft erklärt, woher sich die Regie- und Bühnenbildeinfälle speisen: es ist eine Fotografie aus den 1950er Jahren, auf dem eine Braut in steifer Körperhaltung in einem Hinterhof auf einem Stuhl steht und sich ihrer Hochzeitsgesellschaft präsentiert. Der Stuhl findet sich dann auch gleich massenhaft gestapelt wieder in der Inszenierung von Charles Gounods "Roméo et Juliette" für die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf.

Auch ein ungebetener Gast hat sich eingefunden: Roméo aus dem Hause Montaigu, das mit den Capulets verfeindet ist. Vorgesehen ist, dass sich Roméo und Juliette auf den ersten Blick in einander verlieben. Nicht so in der Inszenierung von Philipp Westerbarkei, der hat das quasi ausgelagert auf ein stummes Doppelgängerpärchen, das wesentlich jünger ist und schon eher den 15jährigen Figuren der Vorlagen nahe kommt, die sich Emotionen erlauben können und im Liebestaumel herumtollen dürfen. Das Hauptpaar dagegen ist seltsam distanziert und steht beim Liebesduett maximal weit voneinander entfernt. Da darf man sich dann fragen, was die beiden aneinander finden. Offenbar will man der durch viele Interpretationen des Shakespeare-Stoffes geprägten Romantik entgehen. Daher ist Juliette von Anfang an eine Leidende, die auch einmal theatralisch hinsinken darf, von jugendlicher Unbekümmertheit ist nichts zu spüren. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht vorgesehen und auch ein Aufbau des Spannungsbogens durch komische Elemente kommt zu kurz. Derweil hält sich die Musik selbstverständlich an die Vorlage, was dann mintunter zu Divergenzen zwischen Libretto und Handlung führt.

Mit Ovidiu Purcell als Roméo und Luiza Fatyol als Juliette sind die beiden Partien gesanglich perfekt besetzt. Maria Boiko darf als Stéphano wenigstens ein wenig lustige Frische hereinbringen. Und auch Ibrahim Yesilay als Tybalt und Bogdan Baciu als Mercutio überzeugen. Daher gab es auch beim Publikum langanhaltenden Beifall.

Libretto von Jules Barbier und Michel Florentin Carré nach William Shakespeares Tragödie „Romeo and Juliet“

Musikalische Leitung: David Crescenzi
Inszenierung: Philipp Westerbarkei
Bühne und Kostüme: Tatjana Ivschina
Licht: Volker Weinhart
Chorleitung: Gerhard Michalski
Choreografie: Victoria Wohlleber
Dramaturgie: Anne do Paço

Juliette: Luiza Fatyol
Roméo: Ovidiu Purcel
Graf Capulet: Michael Kraus
Bruder Laurent: Bogdan Talos
Gértrude: Marta Márquez
Pâris: Richard Šveda
Tybalt: Ibrahim Yesilay
Mercutio: Bogdan Baciu
Grégorio: Joseph Lim
Stéphano: Maria Boiko
Herzog von Verona: Sargis Bazhbeuk-Melikyan
Junge Verliebte: Maria Sauckel-Plock
Junger Verliebter: Egor Reider
Manuela: Maria Carla Pino Cury
Pepita: Karina Repova
Angelo: Luis Fernando Piedra
Chor der Deutschen Oper am Rhein
Düsseldorfer Symphoniker

Premiere Samstag, 30. März 2019, um 19.30 Uhr im Opernhaus Düsseldorf

 

 

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