Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Es war einmal… Grimms Märchen für Eilige, Ballettkomödie im Staatstheater WiesbadenEs war einmal… Grimms Märchen für Eilige, Ballettkomödie im Staatstheater...Es war einmal… Grimms...

Es war einmal… Grimms Märchen für Eilige, Ballettkomödie im Staatstheater Wiesbaden

Premiere: Samstag, 13. Februar 2010, 19.30 Uhr, Großes Haus

 

Weshalb regen die Märchenfiguren der Gebrüder Grimm seit über 150 Jahren die Phantasiewelten von Kindern und Erwachsenen an? Sind es moralisierende Geschichten für unartige Kinder?

Zeigen sie richtige Verhaltensmuster für Menschen in Not? Oder rufen sie zu heldenhaftem Streben nach Glück auf? Im Ballettabend „Es war einmal…“ verfolgen die drei Choreografen Yuki Mori, Mirko Guido und Stephan Thoss einen Erzählstrang, der von dunklen, archaischen Bildern ausgehend einen Flirt mit der harmlos scheinenden Oberfläche von Märchen wagt. Die zunächst nur mit einem eilig-flüchtigen Blick gestreiften Geschichten münden in eine skurrile Collage aller Grimmschen Figuren.

 

Die neueste Produktion des Balletts des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden fragt nach der Funktion der Grimmschen Märchenstoffe im Hier und Jetzt. Yuki Mori, der den ersten Teil des Ballettabends choreografiert, fasst jenen Zeitpunkt ins Auge, der vor der Entstehung eines Märchens liegt. Die mythische oder unendliche Zeit seiner Bühnensituation liegt vor der Verschriftlichung und Festlegung von logischen Sinneinheiten. Die tänzerische Aktion auf der Bühne basiert auf Fragmenten möglicher Handlungsfolgen, Figuren mit wechselnden Identitäten und dunklen Stimmungen des Unfassbaren. Die Choreografie zeigt eine Situation, in der die ursprünglichen Märchenthemen greifbar sind, bevor sie auf sanftes Unterhaltungsniveau gedrosselt wurden.

 

In einer ganz anderen Stimmung setzt das zweite Kapitel von ‚Es war einmal…‘ ein. Mirko Guido verlässt in seiner Choreografie das dunkle, archaische Reich, aus dem die Märchen oft ihre Ambivalenz und Faszinationskraft schöpfen, und beleuchtet auf humorvolle Weise den unversiegbaren Reichtum von Phantasiewelten. Guido inszeniert die Begegnung einer Großmutterfigur mit ihrer Enkelin, die sich von ihr eine Erzählung wünscht. Die alte Frau, die von Märchen gar nichts hält, zerreißt das Märchenbuch und nimmt das Mädchen mit auf eine Reise in ihre eigene Imagination. In diesem freien Fabulieren, das sich nicht an hergebrachte Erzählmuster hält, entdeckt das Kind und mit ihm das Publikum das eigene erzählerische Potential.

 

Als hätte Stephan Thoss die von der alten Frau herausgerissenen und durcheinander geratenen Märchenbuchseiten in die Finger bekommen, kappt er im dritten und abschließenden Teil die Bänder, die die Figuren an ihr jeweiliges Märchen binden. Hier treffen Frau Holle auf die Prinzen, die Jäger auf die Frösche und Schneewittchen auf Rotkäppchen. In dieser Collage der bekanntesten Grimmschen Märchengestalten lässt Stephan Thoss die von der Werbe- und Unterhaltungsindustrie auf Eindimensionalität abgerichteten Figuren außerhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs zur beschwingten Musik von Jacques Offenbach in einem bunten Reigen auftreten. Das Bühnenbild ist angereichert mit Versatzstücken, die aus dem Fundus des Walt Disney-Konzerns stammen könnten. In diesem Raum feiert Thoss mit viel Augenzwinkern den Etikettenschwindel, der mit fast allen Produkten betrieben wird, denen der Stempel ‚Grimms Märchen‘ eingraviert ist, und macht Lust darauf, den Märchenspuren weiter zu folgen.

 

Yuki Mori aus Kobe, Japan erhielt seine Ausbildung an der Ballettschule des Hamburger Balletts und ist seit Sommer 2007 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden engagiert. Als Choreograf ist Mori seit 1999 tätig. Seine Produktion „Missing Link“ wurde 2005 beim Internationalen Wettbewerb für Choreografen Hannover mit dem Kritiker- und dem Publikumpreis ausgezeichnet. 2006 choreografierte er „Les Enfants Terribles“ nach dem gleichnamigen Roman von Jean Cocteau für das Ballett der Staatsoper Hannover. Im Januar 2008 erhielt Yuki Mori in Osaka den in Japan renommierten „New Artist Award“ für seine Choreografie „Chain of Feathers“. Seine erste Arbeit für das Hessische Staatstheater Wiesbaden, „fragments blue“, wurde im April 2008 in der Wartburg uraufgeführt.

 

Mirko Guido wurde 1981 in Lecce, Italien geboren. Im Alter von neun Jahren begann er seine Tanzausbildung mit Modern Dance, Jazztanz und Hip Hop. Mit 15 Jahren nahm er Unterricht in Schauspiel und Akrobatik und spezialisierte sich in der Folge auf das Ballett und den zeitgenössischen Tanz. Seine Ausbildung absolvierte er an mehreren Schulen in Lecce, Rom, Lausanne und Zürich. Während dieser Zeit tanzte Mirko Guido bereits für das Béjart Ballet in Lausanne und kam nach mehreren Engagements in Italien und Deutschland zur Spielzeit 2008/09 an das Hessische Staatstheater Wiesbaden. 2008 gewann Mirko beim 22. Internationalen Wettbewerb für Choreografen Hannover mit “Tra me e se, Forse” den 1. Haupt- und den Publikumspreis.

 

Stephan Thoss, der seit Beginn der Spielzeit 2007/08 Ballettdirektor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ist, absolvierte seine tänzerische Ausbildung an der Palucca Schule in Dresden. In einem dreijährigen Zusatzstudium setzte sich Stephan Thoss mit der deutschen Schule des Ausdruckstanzes auseinander, basierend auf den Theorien Rudolf von Labans. 1983 wurde Thoss als Tänzer an das Ballett der Staatsoper Dresden engagiert. Von 2001 bis 2006 war Stephan Thoss Ballettdirektor der Staatsoper Hannover. In diesen fünf Spielzeiten entstanden knapp 20 neue Choreografien. Zahlreiche Tourneen führten ihn und sein Ensemble nach Europa, Asien und die USA.

 

Musik von Fazil Say, Lepo Sumera, Jacques Offenbach u.a.

 

Choreografie Yuki Mori, Mirko Guido, Stephan Thoss

Bühne Till Kuhnert

Kostüme Carmen Maria Salomon

 

 

Weitere Termine: Dienstag, 16. Februar 2010 und Donnerstag, 25. Februar 2010, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 25 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑