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New York, New York !New York, New York !New York, New York !

New York, New York !

Ein kleiner Theaterbericht

In New York gibt es 250 Theater. Über 10 Millionen Tickets werden pro Jahr verkauft. Die vielfältige, glitzernde Welt der Bühnenshows ist eine der Hauptattraktionen dieser einzigartigen Stadt. Das größte Interesse der New York-Besucher konzentriert sich nach wie vor auf den "theatre disrtrict" in den Seitenstrassen des legendären Broadway. Dort locken die großen Musicals und die arrivierten Schauspielinszenierungen, in denen nicht selten Hollywood-Stars spielen. Aber auch der Off-Broadway mit seinen kleineren Theatern (höchstens 500 Plätze) bietet ein buntes, vielfältiges und gut besuchtes Programm, oft mit wesentlich originelleren Aufführungen. Und der Off-Off-Broadway mit seinen Studio-Theatern ist Spielraum für aparte, experimentelle Formen.

 

Ich sah anlässlich meines einwöchigen New York-Trips zwei preisgekrönte Broadway-Erfolge, die noch lange laufen werden, und eine vielgelobte Off-Broadway-Komödie. Drei Stücke über drei amerikanische Lebenswelten.

Beginnen wir im St. James Theatre mit dem Broadwaymusical-Highlight "The Producers" (Die Produzenten) von Mel Brooks, der Theaterversion seines gleichnamigen Films. Keine andere Bühnenshow hat je so viele "Tony-Awards" eingeheimst - wie die Auszeichnungen für Boadway-Leistungen heissen - wenn man der Eigenwerbung glauben will.

Die Handlung versetzt uns in die späten Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts, und sie spielt genau dort, wo wir Zuschauer sitzen, nämlich in einem Broadway-Theater.

Direktor Max Bialystok (Brad Oscar) ist pleite und muss sein Etablissement sogar vorübergehend schliessen. Der junge Steuerprüfer Leo Bloom (Hunter Foster) schnüffelt in den Abrechnungen herum und kommt auf die Idee, dass ein totaler Flop eventuell bessere Einnahmen brächte als ein Hit, weil man die Sponsorengelder abschreiben könnte. Außerdem ist der trockene Buchhalter ab sofort berauscht von der Theaterluft inklusive dummdreister blonder Tänzerin (Angie Schworer). Bialystok und Bloom beschliessen, gemeinsam einen knallenden Misserfolg zu produzieren, nämlich das misarabelste, grauenhafteste Musical aller Zeiten. Sie finden auch ein superschlechtes Libretto namens "Springtime for Hitler", das auf unsäglich blöde Weise den "Fiuhrer", die Deutschen und die Nazizeit durch den amerikanischen Kakao zieht. Arglose betagte Gönnerinnen lassen sich beschwatzen und stecken nach einem hinreissenden Gehhilfentanz ihr Geld in die neue Produktion, in der Hoffnung, es mit Gewinn zurückzubekommen. Das schwule Regieteam macht sich mit Feuereifer an die Arbeit - und es entsteht eine Wahnsinns-Show von so gigantomanischer Geschmacklosigkeit, dass ein Riesenerfolg nicht mehr abzuwenden ist.

Bialystok und Bloom landen zwar wegen Veruntreuung vorübergehend hinter Gittern, aber dann steigen sie wie Doppelphönix aus der Asche und mausern sich zum unschlagbaren Theaterproduzentenduo.

Die Inszenierung von Susan Stroman, die Choreografie von Glen Kelly: einfach wunderbar, ich kam aus dem Staunen über das einfallsreiche Feuerwerk der Fantasie nicht heraus. Das vielseitige Bühnenbild von Robin Wagner bewegt sich mit dem Rhythmus der Szenen gleichsam mit. Die Darsteller singen, tanzen und spielen mit einer Verve und Perfektion, die eine ungeheure Freude ist. Dabei zielt der Abend nicht nur auf platte Unterhaltung. Bei allem komödiantischen Übermut schwingt ein zynisch-bitterer Unterton mit, nämlich die Kritik an der gnadenlosen Kommerzialisierung des Broadway-Theaters, das keine öffentlichen Zuschüsse, keine Sicherheiten kennt - und folglich am absoluten Gebot der Gefälligkeit.

Alles zusammen macht diese Show zu einem Erlebnis der Superlative, wie es wohl nur in New York möglich ist.

 

Zweitens sah ich im Bernard B. Jacobs Theatre ein Drama des Pulitzerpreisträgers David Mamet, dessen Stücke auch in Deutschland gelegentlich aufgeführt werden. "GLENNGARRY GLENROSS" war allerdings in dieser ebenfalls Tony-gekrönten Produktion für mich eine Enttäuschung. In der konventionellen, uninspirierten Inszenierung von Joe Mantello, in einer fantasielosen, platt naturalistischen Dekoration tragen vorwiegend mittelmässige Schauspieler müde die Machtkämpfe zwischen amerikanischen Immobilienmaklern in einem grösseren Unternehmen aus. Wenn man es nicht aus Berichten besser wüsste, könnte man zum Schluss kommen, dass Problemstücke nicht die grösste Stärke des Broadway sind.

 

Dafür brachte der dritte Abend im Westside Theatre/downstairs eine begeisternde Überraschung mit der turbulenten Off-Broadway-Komödie "Jewtopia", in der es um das jüdische Leben in den USA geht. New York zählt die grösste jüdische Population ausserhalb Israels. Jüdische Immigranten und ihre Nachkommen haben die amerikanische Kulturgeschichte mit einer Intensität und Nachhaltigkeit geprägt, die ihren Bevölkerungsanteil wesentlich übersteigt. Formen dieses Einflusses findet man bis heute überall, natürlich auch im New Yorker Theater, vom Dauerbrenner-Musical "Fiddler on the Roof" (bei uns als "Anatevka" bekannt), bis eben zu dieser Nachwuchskomödie, deren junge jüdische Autoren Bryan Fogel und Sam Wolfson selbst die Hauptrollen spielen.

Staunend erfährt man, dass überkommene jüdische Lebensformen, die sich in Europa unter ständiger Bedrohung entwickelt haben, wie zum Beispiel der fürsorgliche aber auch hermetische Zusammenhalt der Familien, offenbar immer noch fortbestehen, obwohl es in Amerika keine Verfolgung von aussen gibt.

Damit sind wir schon mitten in der Thematik des Stücks. Ein junger Mann aus christlichem, durch den Vater militärisch geprägtem Elternhaus will unbedingt ein solides jüdisches Mädchen heiraten. Er lässt sich von einem jüdischen Freund beibringen, wie man sich verhält als echter Jude auf Freiersfüssen, denn nur wenn er einen solchen vortäuscht, kann er in einer strenggläubig jüdischen Familie Einlass finden. Das führt allerdings zu peinlich-lustigen Situationen und Konstellationen, die sich tausendfach übeschlagen, bis schliesslich eine Doppelhochzeit gefeiert wird - und bis alle erkennen, dass es doch eigentlich unerheblich ist, aus welcher Menschengruppe jemand stammt.

Ein Abend zum Lachen und Weinen, temperamentvoll und kurzweilig, verrückt und nachdenklich, kritisch und liebevoll.

 

Hope to see you again, New York !

 

Vera Forester

August 2005

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