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Preisträgerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2017

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2017 geht an Azan Garo für „InnerOuterCity. Dramatische Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen“ Der mit 5000,- € dotierte Preis ist mit einer Uraufführung am Schauspiel Chemnitz verbunden. In der Regie von Stephan Beer feiert „InnerOuterCity“ am 28. April 2017 im Ostflügel des Schauspielhauses Premiere.

Die fünfköpfige Jury, bestehend aus Harald Müller (Verlagsleiter von Theater der Zeit), Johannes Schulze (Vorsitzender des Fördervereins der Theater Chemnitz), Stephan Beer (Regisseur), Ulrike Euen (Schauspielerin) und René Schmidt (Dramaturg), wählte das Preisträgerstück aus 54 Einsendungen aus.

 

Aus der Vielzahl qualitativ hochwertiger Stücke entschied sich die Jury für einen Theatertext, der in seiner offenen Form provoziert. Damit ist nicht allein der dekonstruktive Zugriff auf Terrorparanoia, postfaktische Moral, das Gefühl allgemeiner Bedrohung und westlichen Narzissmus gewürdigt, sondern ebenso die offene Form des Textes. Er unterläuft Rezeptionsgewohnheiten und irritiert mit einem Pluralismus an Mitteln, seine hart gefügten Schnitte verändern schlagartig Deutungen und intensivieren beim Rezipienten das Gefühl unbestimmter Bedrohung. Der Text ist weniger als ein geschlossenes Ganzes zu interpretieren, vielmehr spielt er klug Versatzstücke zeitgenössischen Bewusstseins an.

 

Der Autor Azan Garo selbst über seinen Text:

Eine allgemeine Verunsicherung greift um sich. Irgendetwas ist geschehen. Irgendetwas hat sich ereignet. Nur was wirklich, das wird auch am Ende des Dramas ‚InnerOuterCity‘ nicht klar sein. Umstände der letzten Tage haben das Theater zu einem inselartigen Rückzugsort im Sturm gegen die Angriffe von draußen verwandelt. Oder zur Kommandozentrale einer Politgruppe, die das Theater nur gekapert hat, um mit den Ängsten des in Geiselhaft genommenen Publikums zu spielen. Einem Ort, an dem es zieht und doch gewaltig stinkt. Scheinbar hat es Ereignisse mit Zerstörungen ungewissen Ausmaßes gegeben. Scheinbar ereignen sich gesellschaftliche Umwälzungen. Aber eigentlich ist es ruhig. Die Außenschaltungen nach InnerOuterCity können von nichts Außergewöhnlichem berichten. „Keine Veränderung im Ameisenstaat.“ Alles läuft wie immer. Die staatlichen Organe verrichten ihre Arbeit, die Kultur mischt sich ein, die Medien berichten. Und dennoch grummelt es. „Etwas verschiebt sich. Etwas scheint faul. Stinkt. Strömt den fiesen Geruch einer klinischen Säuberungswelle aus.“

 

Hat es vielleicht einen Putschversuch gegeben? Oder nur einen gescheiterten Amoklauf eines Einzeltäters/Schläfers der eine ganze Innenstadt in einen nervösen Zustand versetzt hat, obwohl er, von weither angereist, nur auf sein Vorsprechen für die Schauspielschule gewartet hat? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen fühlen ahnen: Das Politische untergräbt das Private. Die Orte sind kontrolliert. Alltägliche Handlungen und selbst gesprochene Worte scheinen im Zuge einer algorithmischen Vernetzung einer permanenten Überwachung zu unterliegen. Sich empörend ausdrücken zu müssen, scheint ein Gebot der neuen Stunde. Sie ist ernst, sehr ernst. Wohin sie führt: Unklar. Klar zeigt allerdings der experimentelle Film InnerOuterCity: DER PLANET BEFINDET SICH IN EINEM ERSCHRECKENDEN ZUSTAND.

azan garo # berlin/odessa 2016

 

Azan Garo, geboren 1988 in Mongagua/Brasilien, bilinguale Erziehung. Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik in Sao Paolo, München und Berlin. Teilnahme an diversen Theaterprojekten und interdisziplinären Kunstprojekten in Europa. Arbeitsschwerpunkt: POESIE & POLITIK an den Schnittstellen externer Sprach- und Soundsysteme im Kontext mehrsprachiger Theater- und Radioprojekte. Seit 2009 wohnhaft in Berlin und Brandenburg. September bis November 2016 literarischer Arbeitsaufenthalt in Odessa/Ukraine.

 

Darüber hinaus erwähnt die Jury lobend Mehdi Moradpours Text „reines land“. Moradpour erzählt auf berührende Weise von der Unbehaustheit der Migrantin Tara, ihrem Überleben in der Heimat unter Bürgerkriegsbedingungen, ihrer Flucht nach Deutschland, dem peniblen Verhör durch die Einwanderungsbehörden sowie Taras Hoffnungen auf ein Ankommen im fremden Land. Ja, beinahe scheint sie es zu schaffen. Ihre Hoffnungen zerschlagen sich allerdings, weil ihr Freund, von dem sie ein Kind erwartet, in die weite Welt aufbricht, um sich zu finden. Zwei Perspektiven prallen unvereinbar aufeinander.

 

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik wurde 2017 zum vierten Mal verliehen. Die vorherigen Gewinnerstücke waren „Die Erben des Galilei“ von Martin Bauch (2014), „Zerstörte Seele“ von Jan Peterhanwahr (2015) und „die zärtlichkeit der hunde“ von Uta Bierbaum (2016).

Mit freundlicher Unterstützung des Förderverein der Theater Chemnitz.

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