Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Quartett // von Heiner Müller im Schauspielhaus WienQuartett // von Heiner Müller im Schauspielhaus WienQuartett // von Heiner...

Quartett // von Heiner Müller im Schauspielhaus Wien

Premiere: 16. November 2006, 20:00 Uhr.

Heiner Müllers 'Quartett' basiert auf Choderlos de Laclos Briefroman, mit dessen Handlung man sich vor allem nach den erfolgreichen Verfilmungen der 'Liaisons Dangereuses' (Gefährliche Liebschaften) vertraut fühlt. Der Dialog in dem Zwei-Personen-Stück ist allerdings weniger selbstverständlich als es auf den ersten Blick erscheinen mag:

Die Charaktere tauschen nahtlos und unerwartet die Rollen, die Geschichte bleibt nahezu unerzählt und es gibt nur einen assoziativen Bezug zum originalen Inhalt. Als Text entfaltet sich 'Quartett' zu einem provokativen Monolog für zwei Stimmen. Er handelt von Macht und Begehren als beißende Metapher für Machtlust per se. Die Spirale von Liebe und Gewalt lässt die Antagonisten im ständigen Rollenwechsel immer tiefer in einen Sumpf liebloser, pervertierter Sexualität einsinken. Das Spiel der Geschlechter wird zum brutalen Kampf und eskaliert in der Selbstzerstörung.

In der Inszenierung von Peter Missotten werden die beiden Charaktere von zwei jungen Männern verkörpert und mit den Stimmen von zwei Schauspielerinnen synchronisiert. Die Darsteller agieren auf einer transparenten
Plattform, die hoch über dem Publikum hängt. Sie sind umgeben von Kameras, Scheinwerfern und Projektoren, welche die Spieler einerseits verbergen, gleichzeitig aber auf rundum installierten Projektionsflächen sichtbar machen. Verborgen in den Tiefen des Hightech-Equipments ertönen die voraufgezeichneten Texte und werden von den Darstellern lippensynchron 'geäußert'. Die Schauspieler besitzen keine eigenen Stimmen, sie können
nur die Geschwindigkeit und den Rhythmus ihrer weiblichen Stimmen kontrollieren. Sie sind glücklos gefangen in einem pre-recorded, schicksalhaften Setting.
"Salon für die Französische Revolution/Bunker nach dem 3. Weltkrieg" lautet Heiner Müllers Szenenbeschreibung zu Quartett, die den schneidenden Dialog zwischen Valmont und Merteuil in eine vage Zeit zwischen Guillotine und Bomben versetzt. Peter Missottens schwebende Plattform treibt wie ein verlorenes Raumschiff im Vakuum der Geschichte. Man wartet auf den Messias, wie man auf Godot wartet, und vom Glauben ist nicht mehr geblieben, als ferne Erinnerungen an das, was einst Erlösung genannt wurde. Um die Zeit zu füllen, eröffnet man eine zynische Schachpartie der Emotionen, ein verbales Feuerwerk, in dem sogar die Erotik von der Rhetorik beherrscht ist. Ein Machtspiel in Worten als End-Zeitvertreib.

Weitere Vorstellungen 17. November bis 6. Dezember 2006,
täglich außer Montag, jeweils 20:00 Uhr
Spielort: Schauspielhaus, Porzellangasse 19, 1090 Wien

Regie/Bühne/Video/Licht: Peter Missotten [De Filmfabriek]
Dramaturgie: Erwin Jans
Sound Design: Senjan Jansen
Mit: Karel Tuytschaever, Jonas Leemans
Stimmen: Barbara Horvath, Vivien Löschner

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 12 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑