Sehnsucht

"Canzone per Ornella" (Dt. Erstaufführung) von Raimund Hoghe im Tanzhaus NRW Düsseldorf

Von Dagmar Kurtz
Bereits zum Einlass schreitet Raimund Hoghe betont langsam die Bühne ab, eine gläserne Wasserschale tragend. So wird der Zuschauer entschleunigt und auf ein gemäßigteres Tempo eingestimmt. Hoghes neues Stück "Canzone per Ornella" ist eine Hommage an Ornella Balestra, die bereits in einigen anderen seiner Stück zu sehen war. Es ist aber auch eine Hommage an eine andere Zeit, in der Lieder noch aufwendig mit einem Orchester instrumentiert waren und über einen besonderen Schmelz verfügten, wehmütig und sehnsüchtig zugleich.
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Balestra in schwarzem, schlichtem und zugleich elegantem Kleid, auf sehr, sehr hohen Schuhen, mal mit schwarzer Sonnenbrille, mal mit elegant geschlungenem Tuch ist ganz italienische Bella Donna. Leise spielt ein Akkordeon. Als Geräusche vom heftigen Wehen des Windes ertönen, deckt Hoghe ihren Kopf mit einer Decke zu, deren Faltenwurf ikonographisch an Marias Kopfmantel erinnert. Wenn man sie von hinten sieht ist sie nicht mehr Madonna, sondern Nonne. Beschwingter geht es bei einem Cha-Cha-Cha-Tänzchen zu. Hoghe setzt ansonsten auf minimalistische Bewegungen und spielt mit dem Kontrast seines und Balestras Körper.

Erinnerungen an gelebtes Leben, an vergangene Träume, an verflossene Lieben und Sehnsüchte, an die Erkenntnis von Illusionen, das alles wird durch Musik hervorgerufen, hier durch überwiegend italienische Canzoni. Höhepunkt ist Balestras großartiges Zitat von Tschaikowskys "Schwanensee", mit dem sie in einer Handchoreografie fließend den Flügelschlag der fliegenden Schwäne nachahmt. Das wird mit großer Anmut dargebracht und ist einfach berauschend schön. Zwischen der Musik hört man Texte von Pier Paolo Pasolini. Und auch Luca Giacomo Schulte hat kleine Auftritte. Zum Schluss werden die verwendeten Requisiten am vorderen Bühnenrand abgelegt: Sonnenbrille, zwei Tücher, die Decke, ein Rock, ein Sonnenspiegel, ein kleiner japanischer Handparavant, die Wasserschale; es sind nur wenige, sie bedeuten aber eine ganze Welt. Wieder erklingt Carl Orffs "O Fortuna" aus der Carmina Burana, das bereits zu Beginn zu hören war.

Das Licht geht aus und es herrscht für lange Sekunden Stille im Raum, bis der begeisterete Applaus einsetzt. Ein sehr berührender Abend!

Konzept, Choreografie, Ausstattung: Raimund Hoghe
Künstlerische Mitarbeit: Luca Giacomo Schulte
Tanz: Ornella Balestra, Raimund Hoghe, Luca Giacomo Schulte
Licht: Raimund Hoghe, Amaury Seval
Fotografie: Rosa Frank; Management: Les Indépendances, Paris

Musik und Texte interpretiert von Victoria de los Angeles, Charles Aznavour, Leonard Bernstein, Gigliola Cinquetti, Dalida, Georges Delerue, Marlene Dietrich, Judy Garland, Milly, Bobby Solo, Chavela Vargas und Pier Paolo Pasolini
Fotografie: Rosa Frank; Management: Les Indépendances, Paris

Eine Produktion von Raimund Hoghe - Hoghe + Schulte GbR Düsseldorf, koproduziert durch das Theater im Pumpenhaus Münster. Gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, die Kunststiftung NRW und das Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf. Mit Unterstützung von La Ménagerie de Verre Paris im Rahmen von Studiolab. Mit besonderem Dank an agnès b. Paris.

1. uns 2. Dezember 2018 in Düsseldorf

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