Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
The Knot GardenThe Knot GardenThe Knot Garden

The Knot Garden

Nach einem erfolgreichen Gastspiel beim Nederlands KamerOpera Festival im April präsentiert die Neue Oper Wien in Koproduktion mit dem KlangBogen Wien eine weitere österreichische Erstaufführung: Zum 100. Geburtstag von Michael Tippett, neben Benjamin Britten dem bekanntesten englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, hat am 25. Juli 2005 seine 1970 in London uraufgeführte Oper "The Knot Garden" (Das Labyrinth) im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste (Semper-Depot) Premiere.

Michael Tippett lehnt sich in seiner 1970 entstandenen Oper an Shakespeares "The Tempest" (Der Sturm) an, transferiert

den Stoff aber in ein modernes Umfeld. Die Welt und die Konflikte, in die Tippett seine Protagonisten versetzt, unterscheiden sich bei näherem Hinsehen nur unwesentlich von jenen, die junge Erwachsene auch im 21. Jahrhundert durchleben könnten. Der britische Regisseur Wally Sutcliffe, der sein eigenes soziales Umfeld in "The Knot Garden" wieder erkennt, nimmt das zum Anlass, Tippetts Labyrinth im Hier und Jetzt (Wien 2005) zu inszenieren. Die drei zentralen Themen - Privatleben, Innenleben und Chaos in der Welt - sind seines Erachtens heute nicht weniger aktuell als 1970.

Da der von Tippett entworfene Ort der Handlung - ein Gartenlabyrinth - der Lebensrealität der Protagonisten in diesem Zusammenhang nicht entspricht, wird das Wiener Semper-Depot nicht in ein grünes Gartenlabyrinth, sondern in

ein zeitgemäßeres Umfeld verwandelt (Ausstattung: Jon Bausor). Die Höhe und Mehrgeschossigkeit des Semper-Depots kommen Tippetts Idee von verschiedenen psychologischen Ebenen in "The Knot Garden" entgegen. Sutcliffe geht es dabei nicht darum, die Thematik der Oper neu zu interpretieren, sondern im Gegenteil, der Intention des Komponisten nachzuspüren und so "die von Tippett erwünschte Wirkung zu erzielen". Durch eine klare Handlungslinie, den Bezug zur Gegenwart und die Verwendung der deutschen Übersetzung soll der Grundgedanke des Werks deutlicher herauskristallisiert werden als es die zahlreichen metaphorischen Regieanweisungen und die lyrischen Dialoge des Komponisten erahnen lassen.

Im Mittelpunkt von "The Knot Garden" stehen sechs Personen, die mit dem rätselhaften Mangus (gleichsam Psychoanalytiker wie Regisseur) für einen einzigen Tag zusammengeführt werden. Gleich Shakespeares Zauberer

Prospero stellt sich Mangus vor, dass allein er die Macht hat, die Probleme seiner Mitmenschen zu lösen. Sein Labyrinth ist - wie die Insel in Shakespeares Sturm - ein magischer Ort, an dem die wechselnden Seelenzustände seiner Besucher, ihre Gedanken und menschlichen Verhältnisse sichtbare Gestalt annehmen, an dem sich Erinnerungen, Emotionen, Leben und Tod vermischen und aus dessen verschlungenen Gängen kein Entrinnen möglich ist. Michael Tippetts Labyrinth ist ein metaphorischer Raum, der für etwas ganz anderes steht: Es ist ein Abbild

unserer Welt.

Tippett war zeitlebens von Freud und der Psychotherapie fasziniert und beeinflusst. Zur Entstehungszeit von "The Knot Garden" herrschte darüber hinaus ein regelrechter "Psychoanalyse-Hype". Tippetts Hauptwerke, und besonders seine fünf wichtigen Opern, bilden alle Variationen zum Thema, wie man sich und den Nächsten kennen und erkennen kann. Während alle Protagonisten in wechselseitigen Beziehungen und Konflikten stehen, bleibt der Analytiker Mangus stets außerhalb der Handlung, um im 3. Akt (Scharade) gleich einem Regisseur die "Lösung" der aufgebauten Spannungen und Emotionen in einer Art "drama therapy" zu inszenieren.

Tippett lehnt sich mit schnittartigen Überblendungen und ständigen Szenenwechseln an die Techniken von Film und Fernsehen an, und folgt damit den ständig wechselnden Befindlichkeiten seiner Protagonisten. Die Musik von

"The Knot Garden" wird größtenteils von Collagen bestimmt. Tippett greift auf Modelle aus der gesamten Musikgeschichte zurück, verbindet Mozart und Schubert mit Rock- und Jazz-Klängen, schmilzt sie aber in eine eigene,

ganz persönliche Musiksprache um, die niemals eklektizistisch wirkt.

Die Oper mit ihren Tabuthemen wie Homosexualität oder Rassen- und Generationskonflikten war bei ihrer Uraufführung 1970 am Royal Opera House Covent Garden heftig umstritten. Der bisexuelle Mel und sein weißer

Freund Dov waren vermutlich das erste homosexuelle Paar, das in einer Oper offen dargestellt wurde.

Tippett gilt neben Benjamin Britten als der bedeutendste englische Komponist des 20. Jahrhunderts. Anlässlich seines 100. Geburtstags werden zahlreiche seiner Werke weltweit aufgeführt. Weitere Informationen zum

Jubiläumsjahr sind auf der "Centenary-Website" des Schott Musik International Musikverlags (www.tippett100.com) zu finden.

Premiere: 25. Juli 2005, 20:30 Uhr

Spielzeit: 28. Juli, 3. und 8. August 2005, 20:30 Uhr

Spielort: Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste (Semper-Depot), Lehárgasse 6-8, 1060 Wien

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 21 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑