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Ur- und Erstaufführungsfestival SCHLAGLICHTER // N° 2 im Badischen Staatstheater Karlsruhe: Ur- und Erstaufführungsfestival SCHLAGLICHTER // N° 2 im Badischen...Ur- und...

Ur- und Erstaufführungsfestival SCHLAGLICHTER // N° 2 im Badischen Staatstheater Karlsruhe:

vom 19. bis 22. Februar 2009

 

Zwei Festivals setzen Akzente in der Pflege zeitgenössischer Dramatik: Die Deutsch-Französischen Autorentage „Blickwechsel/Regards Croisés“, die im Juni 2009 bereits zum fünften Mal in Folge stattfinden, und das Uraufführungsfestival „Schlaglichter“, das den Schlussakzent in der Spielzeit 2006/07 und gleichzeitig den Beginn einer Festivalreihe markierte.

Mit Schlaglichter // N°2 präsentiert das Schauspiel des Badischen Staatstheaters Ur- und Erstaufführungen der internationalen Gegenwartsdramatik mit Stücken aus Irland, Norwegen, den USA, Frankreich, Österreich und Deutschland. „Schlaglichter // N°2“ steht unter dem thematischen Schwerpunkt „Hybris“, ein Leitmotiv der griechischen Tragödie. Seit der Antike bedeutet Hybris die anmaßende Selbstüberhebung des Menschen. Als Antwort auf menschlichen Übermut folgte in den antiken Mythen die Bestrafung durch die Götter. Aber es gibt keine übermächtigen Götter mehr, die der menschlichen Hybris Einhalt gebieten. Das ethische Fundament der westlichen Zivilisation hat beängstigende Risse bekommen.

Die vorgestellten Stücke reflektieren auf ganz verschiedene Weise Aspekte menschlicher Selbstüberhebung. Sie gehen dabei von realen Begebenheiten wie dem Irak-Krieg, den Entwicklungen in der Genforschung oder das Missverhältnis von Arm und Reich aus oder variieren die faustische Konstellation: mit welchen Mitteln kann die Begrenztheit des eigene Lebens überwunden werden?

 

Die Stücke:

 

Premiere / Deutschsprachige Erstaufführung: 19. Februar 2009, 19.30 Uhr | Nancyhalle:

 

George Packer

Verraten

(Betrayed)

Deutsch von John und Peter von Düffel

 

Regie: Johannes Lepper | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit: Jonas Riemer (Soldat, RSO - Regionaler Sicherheitsoffizier), Teresa Trauth (Frau, Intisar), André Wagner (Bill Prescott), Robert Besta (Laith), Jörg Seyer (Adnan)

 

„Sie gelten als Verräter, vogelfrei, sie werden entführt, erschossen, totgeschlagen. Es ist eine der großen humanitären Katastrophen der Gegenwart.“ Das schreibt die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ zur Lage der Iraker, die den westlichen, östlichen und fernöstlichen Besatzungstruppen als Dolmetscher, Fahrer, in der Verwaltung oder als Zulieferer im Irakkrieg geholfen haben. Das Herrschaftsgefüge einer Weltmacht zeige sich jetzt „nackt". „Schamlos stellt es sich dar und gemeingefährlich in seiner Hybris“, mit diesen Worten kritisiert Günther Grass die Vermessenheit eines Krieges, der durch die Lüge, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge, gerechtfertigt wurde. Millionen vor allem junger Iraker hofften nach der US-Invasion auf einen Neuanfang, warteten ungeduldig auf die Segnungen der Demokratie und riskierten viel, um mitzubauen am neuen Irak. Adnan, Laith und Intisar sind drei von ihnen. Sie lieben die englische Sprache. Adnan kennt sie aus Büchern, die er wahllos verschlang, Laith machten Metallica-Songs mit amerikanischem Slang vertraut und Intisar schwärmt für Emily Brontës Romane.

 

Als die Amerikaner im Irak einmarschieren, stellen die drei sich zur Verfügung, um als Dolmetscher zwischen den so verschiedenen Welten zu vermitteln. Doch die tägliche Überschreitung der Grenze zur Grünen Zone wird zum Spießrutenlauf. Zerrissen zwischen „Drinnen“ und „Draußen“, hoffen die Irakis vergeblich auf Schutz durch die amerikanischen Besatzer, in deren Dienst sie als „Verräter am eigenen Volk“ ihr Leben riskieren. Statt Respekt und Dankbarkeit schlagen ihnen von der US-Macht Verdächtigungen und Anfeindungen entgegen. Zuletzt bekommen die Überlebenden nicht einmal ein Visum zur Flucht vor der Bedrohung, zu der ihre Heimat für sie geworden ist.

Der Journalist George Packer, einer der führenden Chronisten des Irak-Krieges, machte aus Gesprächen, die er in einer Januarnacht 2007 mit Betroffenen in einem Bagdader Hotel führte, zunächst einen Beitrag für den „New Yorker“, der hohe Wellen schlug, und dann eines der aufrührendsten Dramen unserer Zeit, das in New York Furore machte.

 

George Packer 1960 geboren, lebt in Brooklyn und schreibt Reportagen und Essays über amerikanische Innen- und Außenpolitik sowie Literaturrezensionen u.a. für „The Nation“ und „The New York Times“. Seit 2003 ist er fester Mitarbeiter beim „New Yorker“ und Kolumnist bei „Mother Jones“. Sein vielfach ausgezeichnetes Buch „The Assassin’s Gate: America in Iraq“, das die politischen und historischen Hintergründe des amerikanischen Engagements im mittleren Osten kritisch beleuchtet, ist laut „New York Times“ eines der zehn besten Bücher 2005. Betrayed/Verraten ist Packers erstes Theaterstück und wurde mit dem „Lucille Lortel Award“ als herausragendstes Off-Broadway Stück 2008 ausgezeichnet.

 

Premiere / Deutschsprachige Erstaufführung: 19. Februar 2009, 22.00 Uhr | INSEL:

 

Gérald Sibleyras

Der Tanz des Albatros

(La Danse de l’ albatros)

Deutsch von Ulrike Frank

 

Regie: Robin Telfer | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit: Georg Krause (Thierry), Timo Tank (Gilles), Ursula Grossenbacher (Françoise), Barbara Behrendt (Judith)

 

Die Midlife-Crisis hat sie voll erwischt. Sie stehen an einem einschneidenden Wendepunkt ihres Lebens, wollen sich noch einmal so richtig ins Zeug legen, kleben aber doch an ihren alten Gewohnheiten und Idealen. Es ist Ironie des Schicksals, dass Thierry, seines Zeichens Zoologe, gerade an einem Buch über aussterbende Arten arbeitet. Denn sie alle sind darauf bedacht, sich um den Prozess des Älterwerdens herumzumogeln und noch einmal ordentlich mitzumischen.

 

Thierry hat eine Affäre mit der wesentlich jüngeren Judith. Deren Familienplanungen nehmen aber für Thierry zusehends beängstigende Konturen an. Die 45-jährige Françoise ist entschlossen, sich wegen eines Seitensprungs von ihrem Mann Philippe scheiden zu lassen und kennt auf ihrem Rachefeldzug keine Scham. Sie fordert von ihrem Bruder Solidarität und will ihn zu einer gerichtlichen Falschaussage gegen ihren Ex überreden. Gilles geht ebenfalls auf die 50 zu. Er ist Angestellter bei der Pariser Handelskammer, hat so ziemlich die Nase voll von jeglichem sexuellen Abenteuer und pflegt eine rein platonische Beziehung zu seiner Kollegin Evelyne. Im Grunde geht es allen miserabel doch keiner will es zugeben. Energisch verteidigt jeder sein Terrain. Allen voran Thierry, der gegen jeden und alles protestiert, Gift und Galle spuckt und weder an seiner Schwester noch an seinem Freund ein gutes Haar lässt. Als seine junge Geliebte einen Streit mit ihm vom Zaun bricht kommt es zum Desaster.

Gérald Sibleyras nimmt in seinem Stück die vielfältigsten Arten von Beziehungen auseinander und zeichnet dabei ein Sittenbild der heutigen bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren Fehlern, Zwängen und Klischees. Dass dabei am Ende kein bieder-ernstes Konversationsstück herauskommt, liegt an der intelligenten Leichtigkeit der Dialoge und der Silbeyras eigenen messerscharfen Ironie, die in ihrer Treffsicherheit einem Alan Ayckbourne in nichts nachsteht.

 

Gérald Sibleyras zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen französischen Theaterautoren Europas. Das Stück Wind in den Pappeln wurde im Januar 2003 am Théâtre Montparnasse uraufgeführt, vier Mal für den Prix Molière, den wichtigsten französischen Theaterpreis, nominiert und seither in mehreren europäischen Ländern gespielt. Die englische Adaption des Stücks von Tom Stoppard lief erfolgreich im Londoner West End und wurde 2006 mit einem Laurence Olivier Award in der Kategorie „Best New Comedy" ausgezeichnet. In Deutschland feierte das Stück unter dem Titel Helden in der Saison 2006/07 am Badischen Staatstheater mit großem Erfolg seine deutschsprachige Erstaufführung. 2006 wurden gleich zwei Werke von Gérald Sibleyras uraufgeführt: Vive Bouchon am Théâtre Michel und am Théâtre Montparnasse Der Tanz des Albatros, Sibleyras' neuestes Stück, wurde für den Prix Molière nominiert.

 

Premiere / Deutschsprachige Erstaufführung: 20. Februar 2009, 19.30 Uhr | Schauspielhaus:

 

Conor McPherson

Der Seefahrer

(The Seafarer)

Deutsch von Peter Torberg

 

Regie: Donald Berkenhoff | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit: Thomas Gerber (James ‚Sharky’ Harkin), Jochen Neupert ( Richard Harkin), Hannsjörg Schuster (Ivan Curry), Christian Schulz (Nicky Giblin), Hannes Fischer (Mr. Lockhart)

 

Menschliche Hybris gipfelt sinnbildlich im Pakt mit dem Teufel. Dabei verschreibt der Mensch dem Teufel seine Seele und erhält als Gegenleistung Reichtum, Macht, Talent. Nichts davon hat Sharky, obwohl er dem Teufel in der Vergangenheit bedenklich nahe gekommen ist. Sharky ist der ewige Verlierer: er ist arbeitslos, seine Frau hat ihn verlassen und er ist alkoholabhängig. Mehr schlecht als recht ist er noch einmal davongekommen. Gestrandet ist er schließlich in einem heruntergekommenen Haus in der Nähe von Dublin. Sharky ist an einem dunklen, stürmischen Weihnachtsabend dorthin zurückgekehrt, um sich um seinen jähzornigen Bruder zu kümmern, der vor kurzem erblindet ist. Nach und nach finden sich Sharkys alte Saufkumpane ein, um Weihnachten mit einer Partie Poker zu begehen. Als sich zu ihnen noch ein mysteriöser Fremder aus längst vergessener Vergangenheit gesellt, erhöhen sich die Einsätze schlagartig: Sharky spielt um nichts Geringeres als seine Seele…

Conor McPherson wäre nicht der Meister der Geistergeschichten, wenn er uns so einfach davonkommen ließe. Mit allem nötigen Humor ist Der Seefahrer nicht einfach nur unterhaltsam, sondern zugleich eine Allegorie auf die menschliche Schuld und die eigenen Dämonen. Was als Weihnachtskomödie beginnt, wird zur einer dunklen, fesselnden Geschichte über Verzweiflung und Erlösung.

Nach der umjubelten Uraufführung am National Theatre in London im September 2006, eroberte Der Seefahrer am 6. Dezember 2007 den New Yorker Broadway. Das „Wall Street Journal“ feierte sein Stück als „Das beste neue Stück des Jahres" und der „Hollywood Reporter“ sprach von „einer irischen Version des 'Faust'".

 

Conor McPherson wurde 1971 in Dublin geboren und studierte dort Philosophie am University College. Bereits während des Studiums begann er Theaterstücke zu schreiben und Regie zu führen. Er ist Mitbegründer der Theatergruppe „The Fly by Night Theatre Co.", die vor allem neue Stücke in Dublins avantgardistischen Randgebieten herausbringt.

Sein erstes Stück Rum und Wodka inszenierte er 1992 am University College Dublin. 1996 übernahm das Londoner Bush Theatre das Stück Salzwasser mit großem Erfolg in sein Repertoire und engagierte McPherson im selben Jahr als „Writer in Residence". Salzwasser wurde mit dem TV-Award und dem Guinness/National Theatre Ingenuity Award ausgezeichnet. Das Stück Das Wehr brachte ihm 1997 den Durchbruch am Royal Court Theatre in London, bevor es sehr erfolgreich am Broadway lief und ihn auch hierzulande mit der Erstaufführung am Staatstheater Stuttgart im Mai 1998 bekannt machte. 1999 erhielt er für Das Wehr den Laurence Olivier Award für „Best Play“. 2006 wurde sein Stück Shining City für den Tony Award nominiert.

Nach der umjubelten Uraufführung am National Theatre in London im September 2006, eroberte Der Seefahrer am 6. Dezember 2007 den New Yorker Broadway. Regie führte erneut der Autor selbst.

 

Premiere / Deutsche Erstaufführung: 20. Februar 2009, 22.00 Uhr | INSEL:

 

Catherine Aigner

Mexico

 

Regie: Jennifer Dallüge | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit: Christoph Wünsch (Linus), Annika Martens (Sara), Eva Derleder (Nachbarin)

 

Linus hat seine Frau Sara, das gemeinsame Kind und seinen Arbeitsplatz verloren. Geblieben ist ihm nur der Hund. Trotz seiner Versuche sein Leben in den Griff zu bekommen, stößt er immer wieder an die Grenzen einer knallharten Gesellschaft. Unter dem Vorwand eines Abendessens mit Freunden lockt er Sara in seine Wohnung. Doch die Gäste bleiben aus. Denn Linus hat einen Plan: Mit zwei Flugtickets nach Mexico will er seine Exfrau von der Wiederaufnahme des gemeinsamen Lebens überzeugen. Eine ebenso absurde wie beängstigende Zimmerschlacht beginnt. Als Sara ihm eindeutig zu verstehen gibt, dass sie nicht zu ihm zurückkehrt, schneidet Linus das Telefonkabel durch und verriegelt Türen und Fenster der Wohnung. Wut, Verzweiflung und Gewalt gewinnen die Oberhand. Gefangen in ihrem selbst inszenierten privaten Inferno, scheint die Aussicht auf Rettung unmöglich. Doch plötzlich halten beide inne. Eine Frau klammert sich an die Scheiben des verschlossenen Fensters und setzt zum Sprung aus dem fünften Stock an…

 

Catherine Aigner zeigt einen erbitterten Kampf um ein Glück, das es vielleicht nie gegeben hat. Sie packt das Beziehungsgeflecht ihrer Protagonisten in einen absurden Rahmen, der kein Entkommen zulässt. In diesem Machtspiel wird aber auch die armselige Komik zweier Menschen enthüllt, deren Leben aus Ängsten, verlorenen Träumen und verkümmerten Fähigkeiten besteht. Ist die dritte Person draußen vor dem Fenster etwa der letzte Rettungsanker oder liegt die Lösung im Sprung in die Tiefe?

 

Catherine Aigner, geboren 1977 in München, absolvierte ein Schauspielstudium in Burghausen und den Lehrgang ‚Szenisches Schreiben’ an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München. 2003 war Catherine Aigner Finalistin der Werkstatttage des Burgtheaters Wien und erhielt den Autorenpreis für ihr Stück Hinter Augen der Autorentheatertage 2007 am Hamburger Thalia Theater. Die junge Autorin schafft existentielle Lebens-Situationen, die sie in einen absurd-reellen Rahmen stellt. Ihre Sprache entspricht der präzisen Zeichnung ihrer Figuren und erzeugt bei aller Tragik immer wieder Komik.

 

Premiere / Deutsche Erstaufführung: 21. Februar 2009, 19.30 Uhr | INSEL:

 

Arne Lygre

Mann ohne Aussichten

(Mann uten hensikt)

Deutsch von Hinrik Schmidt-Henkel

 

Regie: Florian Bösch | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit Sebastian Kreutz (Peter), Gunnar Schmidt (Bruder), Anja Lechle (Ehefrau), Anna-Magdalena Beetz (Tochter), Anne-Kathrin Bartholomäus (Schwester), Thomas Schrimm (Grundbesitzer / Assistent)

 

Ein Denkmal zu Lebzeiten will er sich setzen. Am Ufer eines norwegischen Fjords errichtet Peter eine Stadt, eine Welt nach seinen Maßgaben. Die Bewohner der Stadt, Familienmitglieder eingeschlossen, agieren nur als funktionale Rädchen, denn Peter duldet in seiner Schöpfung nur Statisten. Exfrau und Mitarbeiter beugen sich Peters Regeln, denn für nichts anderes werden sie bezahlt. Sie buhlen um seine Gunst, sagen ihm, was er hören will, und tun, was er von ihnen verlangt.

Zehn Jahre später folgt die Götterdämmerung. Peter ist sterbenskrank. In sein Krankenzimmer über den Dächern der Stadt hat er neben Exfrau und Bruder eine weitere Komparsin bestellt: die Tochter. Tage vor seinem Tod sieht er sie zum ersten Mal, und wie mit der Exfrau verbindet ihn mit ihr ein rein geschäftliches Verhältnis. Er verlangt Gefühle, um abgelenkt zu werden von seiner eigenen Angst. Der Todgeweihte choreographiert und die anderen tanzen.

Das Stück führt mitten hinein in einen düsteren Alptraum, in welchem die Hybris der Macht ungehemmt herrscht. Arne Lygre seziert in messerscharfen Sätzen das Ungeheuer Homo sapiens. Ungerührt beschreibt er den Verrat an Träumen und Idealen, soziale Verwahrlosung und die Manipulierbarkeit von Identität. In der auf Hochglanz polierten roten Stadt ist all das, was einen Menschen im Inneren zusammenhält, vom Zerfall bedroht: die Persönlichkeit und die Moral, die privaten Beziehungen. Lygre entwirft das desillusionierende Bild einer Gesellschaft, in der sich früher oder später jeder als käuflich erweist – es kommt nur auf die Höhe der Bezahlung an.

 

Arne Lygre, wurde 1968 in Bergen, Norwegen, geboren. Zurzeit lebt er in Moss, einer kleinen Stadt südlich von Oslo. Er hat bisher vier Theaterstücke geschrieben, die am Rogaland Theater in Stavanger, am National-Theater und am Det Norske Teatret in Oslo uraufgeführt wurden. Er ist einer der interessantesten norwegischen Autoren der jüngeren Generation und zeichnet sich vor allem durch Sprachkunst und ungewöhnliche Dramaturgie aus. Virtuos bricht er Konventionen, nutzt Zeitsprünge und unerwartete Perspektivwechsel, um seine Geschichten voranzubringen. Lygre oszilliert zwischen Realistischem und Surrealem, zwischen Psychologisierung und Typisierung, zwischen Nähe zu den Figuren und Distanz. Seine Stücke wirken daher oft wie Versuchsanordnungen, sind aber gleichzeitig berührend. Die deutschsprachige Erstaufführung von Mama und ich und Männer feierte im Rahmen von „Schlaglichter // N°1“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe in der Regie von Thomas Krupa erfolgreich Premiere. „Eine Aufführung, deren Bilder und Fragen lange nachhallen“, hieß es in den BNN (3. Juli 2007).

 

Premiere / Uraufführung: 21. Februar 2009, 22.00 Uhr | Schauspielhaus:

 

Kai Grehn

Der Berg, über den kein Vogel fliegt

 

Regie: Knut Weber | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit: Thomas Birnstiel (Hermann)

Puppenspieler: Thomas Hänsel, Friederike Krahl

 

Sie wollen die Natur bezwingen und fordern den Tod heraus. Sie steigen in unvorstellbare Höhen, durchqueren Wüsten, tauchen in die Tiefen der Ozeane. Was treibt Menschen dazu, sich diesen extremen Herausforderung zu stellen? Geht es um das Austesten der eigenen psychischen und physischen Grenzen – und gar darüber hinaus? Ist es die Sucht nach dem ultimativen Thrill, den die übersättigte Spaßgesellschaft nicht mehr bieten kann? Oder ist es schiere Hybris des Gipfelstürmers, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen?

Der Berg, über den kein Vogel fliegt spielt in der Todeszone, in einer Höhe über 7000 Meter. Es ist der Text über einen Mann, der beim Besteigen des Berges auf eine ausgesetzte Felsterrasse stürzt und schwer verletzt gegen Schnee und Kälte, gegen Halluzinationen und Sauerstoffmangel, gegen Ausgeliefert- und Gefangensein, ums Überleben kämpft.

Ausgehend von eigenen Erlebnissen während einer Himalaya-Expedition im Jahr 2004 entwickelt der Autor Kai Grehn ein sprachlich überhöhtes, philosophisch aufgeladenes und gänzlich unromantisches Bergsteiger-Drama. Nah an inneren wie äußeren Abgründen, von Auskühlung tödlich bedroht, gerät Grehns Verunglückter in erstaunliche existenzielle Auseinandersetzungen mit realen wie eingebildeten Gesprächspartnern. Es geht um die Faszination der Höhe, um Grenzerfahrungen und um eine Glückssuche jenseits alltäglicher Ebenen.

 

Kai Grehn, geboren 1969 und aufgewachsen in Berlin (Ost), arbeitete als Postzusteller, redaktioneller Mitarbeiter sowie als Regieassistent beim TanzTheater Skoronel. Es folgte ein Studium der Theaterregie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch". Seitdem entstanden Arbeiten fürs Theater und Hörspiel. Grehn erhielt u.a. das Arbeitsstipendium für Berliner Schriftsteller 2005 und den PRIX MARULIC Spezialpreis 2001 und 2005. Kai Grehn lebt als freier Autor, Übersetzer und Regisseur in Berlin.

 

Premiere: / Uraufführung: 22. Februar 2009, 19.30 Uhr | Nancyhalle:

 

Jörn J. Burmester und Stefan Nolte

Wild werden. Ein Notstand

 

Regie: Stefan Nolte | Bühne: Steven-Gordon Koop | Kostüme: Ursina Zürcher | Musik: Nina Wurman | Produktionsleitung: Helmut Seidenbusch

 

Mit: Marc-Philipp Kochendörfer (Daniel), Claudia Frost (Julia), Olaf Becker (Korn)

 

Der junge Biologe Daniel steht am Beginn einer glänzenden Karriere. Er hat im Tierversuch nachgewiesen, dass Erfahrungen von sozialer Niederlage, Hoffnungslosigkeit und Vernachlässigung epigenetisch festgeschrieben und in Verhaltensmustern vererbt werden. In seinen Versuchen hat er ein Verfahren entwickelt, mit dem sich dieser Mechanismus an Laborratten manipulieren lässt. Ein Medikament zur Behandlung der Verlierer der Gesellschaft scheint greifbar nahe. Der Durchbruch soll ihn endgültig zum berühmten Forscher machen. „Die klassische Verliererratte muss es nicht mehr geben“, wirbt er vor Pharmaindustrie und Investoren.

Der Druck des mächtigen Pharmakonzerns und der Geldgeber zwingt ihn, seine Entdeckung vorzeitig am Menschen zu testen. Kurzerhand macht er Korn, einen Hartz4-Empfänger aus dem Ghetto, der ihm Versuchsratten liefert, zur Testperson. Als seine Experimente entdeckt werden, kommt es zur Katastrophe: Korn wird entführt.

Wo schlagen die Möglichkeiten der Forschung in Hybris um? Gibt es bald nur noch den „besseren“ aber künstlichen Menschen? Die im Stück beschriebenen epigenetischen Prozesse, die Gene aktivieren oder ausschalten, gibt es tatsächlich. Ihre Erforschung für medizinische Zwecke ist bereits im Gang. Die demnächst bevorstehenden praktischen Anwendungen dieser Forschung werfen die Frage auf, wer festlegen darf, welche Anlagen, welches Verhalten zu korrigieren ist. Wie bestimmt eine Gesellschaft, was als falsch, krank, unerwünscht zu gelten hat – als das, was sie zu ihrem eigenen Schutz ausschließen muss?

 

Stefan Nolte lebt als freier Regisseur, Autor und Dozent in Berlin. Er inszenierte u.a. am Theater Aachen, am Staatsschauspiel Dresden, am Nationaltheater Mannheim und am Schauspiel Stuttgart. Außerdem entstanden Bearbeitungen und Dramatisierungen, zuletzt für Der Gralsucher (HTI Peenemünde 2004) und Bodenseekonferenz (Zürcher Theaterspektakel 2005). Seit 2005 lehrt Stefan Nolte am Institut für Theaterwissenschaften der Freien Universität Berlin. Wild werden – Ein Notstand entsteht im Auftrag des Schauspiels am Badischen Staatstheater. Jörg J. Burmester ist Performance Künstler, Autor und Dozent. Er präsentiert zahlreiche Performance Lectures und Videoperformances. Nach dem Roman Der Wert des Menschen des belgischen Autors, Psychiaters und Psychoanalytikers Francois Emmanuel haben Burmester / Nolte eine Theaterfassung unter dem Titel Humankapital erstellt, das 2005 am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt wurde.

 

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