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"Der Zwerg" - Ein tragisches Märchen für Musik von Alexander Zemlinsky - Städtische Theater Chemnitz

Premiere: 7. November 2015, 19.30 Uhr im Opernhaus Chemnitz. -----

Prinzessin Clara, Thronfolgerin am spanischen Hof, feiert ihren 18. Geburtstag. Es gibt prächtige Geschenke: eine goldene Rose mit Dornen aus Edelstein vom Papst, ein Kostüm aus tausend Perlen vom König, zwei prächtige Pferde vom Kaiser. „Doch das Schönste …“, so der Haushofmeister, „ist scheußlich! Der Sultan sandte einen Zwerg, als Spiel der grausamen Natur.

 

Er weiß nichts von seiner Hässlichkeit, hält sich für edel, gibt sich als Ritter, er hat sich noch nie im Spiegel gesehen.“ Der Zwerg verliebt sich in die Prinzessin, die das Spiel zunächst mitspielt. Er ist selig und sieht sich schon als Geliebter der jungen Frau. Doch plötzlich steht er zum ersten Mal seinem eigenen Spiegelbild gegenüber und zerbricht daran.

 

1918 lernte Alexander Zemlinsky Georg C. Klaren kennen, der für ihn als Librettist arbeiten wollte. Zemlinsky war schon seit längerem auf der Suche nach einem neuen, geeigneten Opernstoff. Georg Klaren arbeitete ihm verschiedene Stoffe zu, allerdings stieß erst sein Libretto „Der Zwerg“ nach Oscar Wildes Märchen „Der Geburtstag der Infantin“ auf große Begeisterung. Der Stoff sprach Zemlinsky aus sehr persönlichen Gründen an: 1900 hatte er die junge Alma Schindler kennengelernt, die zunächst Kompositionsunterricht bei ihm nahm und eine leidenschaftliche Beziehung mit ihm einging. Allerdings verließ sie ihn schon bald für Gustav Mahler, was für Zemlinsky, der von ihr als „klein, kinnlos, mit herausquellenden Augen“ beschrieben wurde, eine prägende Zurückweisung bedeutete. In der Figur des Zwerges, der von einer kaltherzigen Prinzessin zunächst benutzt und schließlich fallengelassen wird, erkannte Zemlinsky sich selbst und sein Scheitern mit Alma Schindler.

 

Allerdings ist auch der Einfluss des jungen Georg Klaren zu beachten. Zwar war er zu dieser Zeit erst Anfang 20, doch hatte er sich bereits mit den Theorien Siegmund Freuds und des Sexualwissenschaftlers Otto Weininger auseinandergesetzt. Weininger hatte sich mit philosophisch-psychologischen Theorien der Geschlechter beschäftigt und teilweise extrem frauenfeindlich argumentiert. Klaren verarbeitete jene zeitgenössischen Theorien im Stück, was vor allem an der Dominanz der weiblichen Sphäre gegenüber der männlichen zu erkennen ist. Auch künstlerische Strömungen wie Expressionismus und Dadaismus und auch eine Faszination für das Unterbewusste lassen sich im Text erkennen.

 

Zemlinsky breitet in „Der Zwerg“ eine vielfältige musikalische Palette vor dem Publikum aus. Seine Musik zeichnet in üppigen Farben im Rahmen der Tonalität Bilder der höfischen Welt und des schwelgerischen Charakters des Zwerges als galanten, ritterlichen Sänger. Zemlinsky verbindet die Dramaturgie der Musik aufs Engste mit der der Handlung, sodass die dichte Komposition der Psychologie der Figuren folgt. Die Uraufführung des Werkes fand 1922 in Köln statt. Die Premierewird die erste Aufführung dieser Oper in Chemnitz sein.

 

Der Komponist: Alexander Zemlinsky wurde am 4. Oktober 1872 in Wien als Sohn eines slowakischen Vaters und einer bosnischen Mutter geboren. Er wuchs in der jüdisch geprägten Leopoldstadt in sehr einfachen Verhältnissen auf. Sein musikalisches Talent wurde früh erkannt und von seinen Eltern gefördert. So besuchte er als 13-Jähriger das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in seiner Heimatstadt und wurde von Johannes Brahms – einem seiner wichtigsten Vorbilder neben Wagner – persönlich gefördert. Er studierte zunächst Klavier und anschließend Komposition. Nach dem Studium war Alexander Zemlinsky sowohl am Carltheater als auch am Theater an der Wien als Dirigent tätig. 1904 wechselte er an die Volksoper und später zu Gustav Mahler an die Wiener Hofoper. Allerdings war durch den Weggang Mahlers auch Zemlinskys Tätigkeit an der Hofoper nur von kurzer Dauer, sodass er Wien schon bald für eine Kapellmeisterstelle in Mannheim verließ. 1911 führte ihn sein Weg nach Prag, wo er am dortigen Deutschen Landestheater als Chefdirigent und Direktor der Deutschen Musikakademie tätig war. In dieser Zeit entstanden, trotz seiner sehr dichten Aufgabenfülle als musikalischer Direktor, seine beiden auf Oscar Wilde-Texten basierenden Werke „Eine florentinische Tragödie“ und „Der Zwerg“. 1927 folgte er dem Dirigenten Otto Klemperer nach Berlin an die Krolloper und erhielt 1931 einen Lehrauftrag an der Musikhochschule. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten siedelte er 1933 nach Wien über und widmete sich gänzlich der Komposition. 1938 emigrierte er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Luise über Prag in die USA. Dort konnte er künstlerisch und auch persönlich nicht mehr Fuß fassen. Nach mehreren Schlaganfällen verstarb er am 16. Mai 1942 in Larchmont bei New York.

 

Lange Zeit wurde von seiner Musik keine Notiz genommen, was vor allem in der Verdrängung seiner Werke und von ihm als Dirigent und Komponist durch die Nationalsozialisten begründet liegt. Auf der anderen Seite trug auch sein Verharren zwischen Spätromantik und Moderne – trotz seiner großen Offenheit gegenüber neuen musikalischen Strömungen – dazu bei. Erst in den 1970er Jahren kam es zu einer Wiederentdeckung seines Werkes und seiner Komponistenpersönlichkeit.

 

Frank Beermann (Musikalische Leitung)

feierte in den letzten Jahren große Erfolge im Opern- und Konzertrepertoire. Sein ständig waches Interesse an unbekanntem und neuem Repertoire hat zu spannenden CD-Veröffentlichungen geführt. Dafür wurde er unter anderem mit dem ECHO Klassik und dem Excellentia Award von Pizzicato ausgezeichnet und für den ICMA nominiert. Seit 2007 ist Frank Beermann Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz und Chefdirigent der Robert-Schumann-Philharmonie. Unter seiner Leitung fanden überregional vielbeachtete Opernaufführungen statt, wie die von ihm initiierte Uraufführung der nunmehr komplettierten Meyerbeer-Oper „Vasco de Gama“, die von der Zeitschrift OPERNWELT zur „Wiederentdeckung des Jahres“ gewählt wurde. Gastdirigate führten ihn u. a. an die Staatsoper unter den Linden und die Deutsche Opern Berlin, die Bayerische Staatsoper München, das Teatro Lideu Barcelona, die Königliche Oper Stockholm, die Finnische Nationaloper Helsinki, die Semperoper Dresden und die Opéra de Lausanne.

 

Walter Sutcliffe (Inszenierung)

wurde in London geboren und studierte am Royal College of Music sowie an der University of Cambridge. Danach arbeitete er zunächst als Regieassistent an der Deutschen Oper am Rhein sowie als freier Assistent und szenischer Leiter u. a. am Royal Opera House in Covent Garden, am Theater an der Wien, an der Metropolitan Opera New York und an der San Francisco Opera. Er führte Regie bei zahlreichen Produktionen an Schauspiel- und Opernhäusern u. a. in Großbritannien, den USA, Deutschland, Österreich, Estland, Tschechien, Italien, Frankreich. An der Oper Chemnitz inszenierte er in der Spielzeit 2013/2014 bereits György Ligetis „Le Grand Macabre“.

 

Text von Georg C. Klaren

frei nach Oscar Wildes „Der Geburtstag der Infantin“

 

Musikalische Leitung: Frank Beermann

Inszenierung: Walter Sutcliffe

Bühne und Kostüme: Okarina Peter, Timo Dentler

 

mit: Maraike Schröter (Donna Clara, Infantin von Spanien), Dan Karlström (Der Zwerg), Kouta Räsänen (Don Estoban, der Haushofmeister), Franziska Krötenheerdt (Ghita, Lieblingszofe der Infantin), Guibee Yang (1. Zofe). Jana Büchner (2. Zofe), Tiina Penttinen (3. Zofe), Damen des Opernchores, Robert-Schumann-Philharmonie

 

Die nächsten Vorstellungen sind am 13. November, 19.30 Uhr, am 18. November, 18.00 Uhr

sowie am 18. Dezember, 19.30 Uhr im Opernhaus Chemnitz.

 

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