Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
"King Lear" von William Shakespeare im Schauspielhaus Bochum "King Lear" von William Shakespeare im Schauspielhaus Bochum "King Lear" von William...

"King Lear" von William Shakespeare im Schauspielhaus Bochum

Premiere Do, 10.09.2020, 19:30

King Lear gilt als Gipfel des Theaters, schwer einzunehmen, von dort aus blickt man in den Abgrund. Es ist ein Königsdrama, an dessen Beginn der alte König einen rhetorischen Wettbewerb zwischen seinen drei Töchtern ausruft, die jüngste enterbt, sein Reich zweiteilt und die Macht abgibt. Doch statt eines geruhsamen Alterssitzes wartet auf Lear eine Odyssee, auf der er alle bisherigen Gewissheiten verlieren wird.

 

Ähnlich geht es seinem Getreuen, dem Graf von Gloster, der auf eine Intrige seines illegitimen Sohnes Edmund hereinfällt und den ehelichen Sohn Edgar verstößt, dabei jedoch selbst zu Fall kommt. King Lear ist ein Drama des Krieges, zwischen Generationen, zwischen Geschwistern, zwischen Heeren. Es ist ein Drama, in dem die Mütter fehlen, der Reiche zum Bettler und der Blinde zum Sehenden wird. Es ist ein Endspiel, in dem die alte Ordnung zerbricht und Werte zu Ruinen werden, zwischen denen ein Sturm wütet, nach dem vielleicht das Nichts kommt. Oder etwas Neues.

Die Herausforderung des Neuen nimmt Regisseur Johan Simons auch mit dieser Inszenierung unter neuen Bedingungen an: „Normalerweise“ stellt die Bühne einen Möglichkeitsraum dar: Figuren können sich dort treffen und berühren, wie es ihnen in der Realität nicht möglich wäre. Gegenwärtig sind wir im Theater mit vielen Vorgaben konfrontiert. Nähe und Intimität sind momentan auf der Bühne - und im gesellschaftlichen Raum - nicht möglich.

Diese Inszenierung ist ein Versuch, dieses neue Bewusstsein der Spieler*innen und des Publikums sichtbar zu machen. Die Figuren sind mehr noch als bei Shakespeare vereinzelt, weniger in Dialoge verwickelt, ihre Worte haben kaum eine Richtung, die Zeit verschiebt sich. Sprechen sie noch zu jemandem oder nur noch zu sich selbst? Lear und der Narr sind da eine Ausnahme, haben sie doch längst eine neue Welt entdeckt, in der man sich - welche Utopie! - berühren darf: die der Sprache.

"Ich hatte schon vier Wochen geprobt, als Corona kam. Aber Ironie des Schicksals: Shakespeare hat das Stück während der Pest geschrieben, als er selbst in Quarantäne war. Daraufhin werde ich das Stück noch einmal neu lesen und neu inszenieren. Die 2-Meter-Abstandsregeln sind ein Fluch, aber auch inspirierend. Denn im Theater kann man aus einer Not eine Tugend machen. Im Zentrum von King Lear beschreibt Shakespeare einen gewaltigen Sturm, der sowohl real wie im Inneren des Königs wütet. Das Besondere ist für mich, dass sich Lear freiwillig dem Sturm ergibt, im letzten Augenblick aber die Kraft des Sturmes ausnutzt, um sein eigenes Leben in eine andere Richtung zu lenken. Der Tod – genauer: die Art und Weise, wie man stirbt – ist ein wichtiges Thema. Ich selbst habe den Großteil meines Lebens hinter mir und frage mich, ob ich in meiner Todesstunde über meine Angst hinaus geraten werde. Dass Lear trotz allem Elend und mit der Leiche seiner Tochter in seinen Armen glücklich stirbt, berührt mich besonders in diesem Stück."

Shakespeares Drama wird im Auftrag des Schauspielhaus Bochum neu übersetzt von der österreichischen Autorin und  Dramatikerin Miroslava Svolikova.

    Neuübersetzung von Miroslava Svolikova
    Fassung von Koen Tachelet und Angela Obst (Mitarbeit)
    Regie: Johan Simons
 
  Mit: Mourad Baaiz, Patrick Berg, Pierre Bokma, Konstantin Bühler, Anna Drexler, Ann Göbel, Stefan Hunstein, Michael Lippold, Steven Scharf    

Sa, 12.09.
19:30
Ausverkauft
So, 13.09.
17:00
Ausverkauft
Fr, 18.09.
19:30
Ausverkauft
Sa, 19.09.
19:30
Ausverkauft

 

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 17 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑