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Uraufführung: "Der Duft der Dinge" - Ein TanzPAARFUM Ballettabend von Stephan Thoss und Giuseppe Spota im Staatstheater Wiesbaden Uraufführung: "Der Duft der Dinge" - Ein TanzPAARFUM Ballettabend von...Uraufführung: "Der Duft...

Uraufführung: "Der Duft der Dinge" - Ein TanzPAARFUM Ballettabend von Stephan Thoss und Giuseppe Spota im Staatstheater Wiesbaden

Premiere Samstag, 15. Februar 2014 I 19.30 Uhr I Großes Haus. -----

„Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken.“ (Christian Morgenstern) Stephan Thoss hat sich für seinen letzten Wiesbadener Ballettabend etwas Besonderes ausgedacht: Zum einen möchte er an seine sehr eigenwillige Ader des tänzerischen Humors anknüpfen und zum anderen Raum bieten für junge choreografische Talente. So entsteht gemeinsam mit Kompaniemitglied Giuseppe Spota ein duftendes „TanzPAARFUM”, frei nach dem Motto: immer der Nase nach.

 

Tanz und Theater sind gewöhnlich eine Angelegenheit für Auge und Ohr, die Welt der Düfte spielt bei einer Bühnenaufführung selten eine Rolle. Der neue Ballettabend taucht spielerisch in das stimulierende Reich der Gerüche ein und leiht sich aus ihr Inspiration und Idee, um mit den Düften des Lebens zu assoziieren.

 

Als Thoss begann, sich mit aus Düften resultierenden Bildfantasien auseinanderzusetzen, zeigte sich schnell das Theaterpotenzial dieser zunächst exotisch anmutenden Idee. Denn Bilder, die durch Gerüche stimuliert werden, sind geboren aus demselben Spiel, aus dem gewöhnlich die Musik Theaterräume und -bilder schafft. Der Geruchssinn, die sogenannte olfaktorische Wahrnehmung, nimmt als einziges Sinnesorgan einen anderen Weg zum Gehirn und durchläuft bei der Beurteilung eines Reizes einen fast nicht korrigierbaren Pfad. Er geht nicht durch die Ratio, sondern endet direkt in dem ganz persönlichen Archiv aus vergangenen Situationen und Personen, die dort wie eingebrannt ruhen. Man kann gut wegschauen, aber nicht „wegriechen“.

 

Da Gerüche keine Materialität haben, assoziiert der Mensch Bilder dazu. Beim Duft gilt: der erste Eindruck zählt und bleibt. Daher werden Gerüche von der Industrie gerne auch gezielt eingesetzt, um etwa die Atmosphäre und Wahrnehmung eines Produktes zu steuern und zu steigern. Auch in die Sprache sind die Düfte als Sinnbild eingegangen: Wortwendungen „Das ist dufte!“ oder „die Nase voll“ oder „einen guten Riecher haben“ zeigen den bildlichen Einfluss des Geruchs.

 

Stephan Thoss entschied sich bei seiner spielerischen „Duftreise“ bewusst für die klassischen Klischees der Düfte. Den Takt dazu gibt Rodion Shchedrins Adaption der Carmen-Musik von Georges Bizets an. Shchedrin komponierte seine Carmen-Suite 1967 als instrumentale Ballettmusik und erhielt dabei das ganz französische „Parfum“ von Bizets weltberühmter Oper, denn dort verführt der Duft ebenso die Sinne wie die Lippen, die die Zigarre zum Rauchen bringen, und der Akazienblütenduft die Haut der Frauen umschmeichelt. Stephan Thoss folgt dieser Idee und stellt sie in einen neuen Kontext, lässt die Carmen-Atmosphäre lustvoll auf eigene Figurencollagen treffen.

 

Die 12 Musikstücke der Suite führen als Reise in die Vergangenheit und in das gespeicherte Geruchs-Archiv eines Mannes. Jede Situation basiert auf einer klaren Idee für einen bestimmten Duft, der die Erinnerung an eine Begegnung, eine Situation wachruft, mit der sie einst verbunden war. So werden die Gerüche im Tanz sichtbar, erhalten Materialität, Form und Bewegung. Stephan Thoss wählt keine fernen, exotischen Geruchswelten, sondern die schönen und die zweifelhaften Düfte des Alltags, zu denen jeder seine Geschichte erzählen kann: Rosenduft, Zimt, Käse, Fisch, Schweiß.

 

Desinfektionsmittel mahnt an schmerzvolle Zahnarzttermine, Chlorgeruch an traumatischen Schwimmunterricht. Natürlich lässt uns Thoss dabei auch in sein ganz persönliches Arsenal an Duftstationen blicken respektive: riechen. Die Reise verläuft chronologisch, sie beginnt in der Kindheit und rankt sich an Situationen und Personen entlang, gleich einer Rose windend, in das liebende Herz des Protagonisten.

 

Giuseppe Spota, Tänzer in der Kompanie und FAUST-Theaterpreis-Gewinner, choreografiert nach dem Duett Un/attainable für den Ballettabend spring 2011 im Kleinen Haus und ABI/TIAMO in Made in Love (2012) mit /TRE die Eröffnung der letzten Ballett-Premiere dieser Spielzeit. Sie ist sein zweites großes Stück für das Ballett des Staatstheaters. Für ihn ist der Duft Sinnbild der Begegnung zweier Menschen – ein Augenblick ebenso wie ein Bewusstseinszustand. Jede Begegnung mit einem Menschen ist auch ein Eintauchen in dessen Aura. So spielen in Giuseppe Spotas Choreografie Paare und Partnerschaften eine wichtige Rolle sowie Assoziationen zu Natur und Zeit. Die Begegnungen können im Hier und Jetzt stattfinden oder auch vor langer Zeit stattgefunden haben – ihr Duft bleibt. Und doch sind die Erinnerungen für jeden anders.

 

Für seine Uraufführung hat Spota kammermusikalische Werke von Alexander Balanescu („Aria“) sowie des italienischen Komponisten und Dirigenten Ezio Bosso (*1971) zusammengestellt. Die Stücke von Bosso sind allesamt deutsche Erstaufführungen, die der Komponist bisher ausschließlich mit seinem eigenen Ensemble aufgeführt hat (Streichquartett One Way, Bitter and Sweet, Clouds für Violine und Klavier u.a.).

 

/TRE

Musik von Ezio Bosso, Alexander Balanescu, Steve Reich, Vittorio Monti

Choreografie, Bühne, Kostüme Giuseppe Spota

Mitarbeit Bühne: Jelena Miletic

Video: Gerard Naziri

 

Der Duft der Dinge

Musik: Rodion Shchedrin, Carmen-Suite (nach Georges Bizet)

Choreografie, Bühne, Kostüme: Stephan Thoss

Mitarbeit Bühne und Kostüme: Jelena Miletic

Video: Stephan Thoss, Robert Becker

 

Musikalische Leitung Wolfgang Ott

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Klavier Waldemar Martynel

 

Fr, den 28.02.2014 19:30 Uhr - Karten

Do, den 13.03.2014 19:30 Uhr - Karten

 

 

 

 

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