Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Schauspiel Leipzig: "Atlas" von Thomas Köck Schauspiel Leipzig: "Atlas" von Thomas Köck Schauspiel Leipzig:...

Schauspiel Leipzig: "Atlas" von Thomas Köck

Premiere am 27. Januar 2019, 20 Uhr, Diskothek

Ein Kind, das es gar nicht hätte geben dürfen, begibt sich im Heimatland seiner Eltern auf die Suche nach der Großmutter, die ihre Tochter schon lange tot glaubt. Und zwei junge Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben geraten in den Strudel einer nationalen Historie, in dem sich ein Wir formiert, dem sie nicht angehören.

 

Die Figuren in Thomas Köcks neuem Stück legen Zeugnis ab von ihren Biographien, die unsichtbar an historischen Ereignissen hängen. Die Mutter berichtet, wie sie schwanger wurde, damals, als Vertragsarbeiterin, als die sie in die DDR geholt wurde, mit dem großen Versprechen von Austausch und Bildung und Bruderland, aber eigentlich nichts davon mitbekommen hat, exakt festgelegt war ihr Leben, fünf Quadratmeter pro Person, bis sie allerdings schwanger wurde, was ja gar nicht erlaubt war. Der Vater als Dolmetscher zwischen den Welten, der das Leben genoss, bis die eine Welt kaum noch erinnerbar war und die andere plötzlich auseinanderfiel und sich lange nicht mehr zusammensetzen ließ. Sie erzählen davon, wie sie sich in den übriggebliebenen Zwischenräumen niederließen, einrichteten. Die ferne Großmutter, die auf einer anderen Flucht das Kind verlor und auf einer Insel strandete, die sich für immer in sie einschrieb. Und die Tochter, die das verbindende Glied sein möchte und dann doch in ihrer eigenen, einsamen Zeit hängen bleibt.

Die Familie bildet eine Genealogie von Aus-der-Zeit-Gefallenen, jeder in seinem individuellen Unzeit-Limbus, aus dem heraus sie sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen und aneinander vorbeigehen. Aber sie sprechen sich mit ihren Erzählungen in die Geschichte hinein, in der sie nicht vorgesehen waren, und decken eine Gleichzeitigkeit von Gestern und Heute auf. In den vietnamesischen Migrationsbiographien identifiziert Thomas Köck in diesem Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig eine evidente Aktualität, welche den Geschichten ein überzeitliches Flirren verleiht. Die Fragen bleiben brennend: Wer geht und wer kommt, wer darf ankommen, wie viel wert ist ein Leben, wessen Geschichte wird gehört, wer sind wir und wer sind die anderen?

Nach dem Leipziger Nachspiel von „paradies fluten (verirrte sinfonie)“ ist „atlas“ das zweite Stück von Thomas Köck, das in der Diskothek zur Aufführung kommt. Thomas Köck wurde für seine Theatertexte bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kleist-Förderpreis, dem Dramatikerpreis der österreichischen Theaterallianz, dem Stückepreis des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises. 2018 erhielt er den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis. Seine Stücke werden u. a. am Burgtheater und am Schauspielhaus Wien, am Nationaltheater Mannheim und am Thalia Theater Hamburg gespielt.

Der Hausregisseur des Schauspiel Leipzig Philipp Preuss inszeniert mit „atlas“ zum ersten Mal in der Diskothek, der Spielstätte für Gegenwartsdramatik.

Mit: Ellen Hellwig, Sophie Hottinger, Marie Rathscheck, Denis Petković

Regie: Philipp Preuss,
Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht,
Dramaturgie: Katja Herlemann,
Licht: Carsten Rüger

Im Anschluss: Konzert „Magic Island“

So, 10.02. 20:00
Diskothek

Sa, 23.02. 20:00
Diskothek

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 15 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

"Krabat", Ballett nach einem Buch von Otfried Preußler von Demis Volpi in der Deutschen Oper am Rhein

Das 2013 in Stuttgart uraufgeführte Handlungsballett „Krabat“ nach dem beliebten Roman von Ottfried Preußler, in dem er eine sorbische Sage verarbeitet, hatte jetzt an der Deutschen Oper am Rhein…

Von: Dagmar Kurtz

Rocky Horror Picture Show trifft auf Homer

Heftiges Klopfen an der Tür. Es ist nicht der verstorbene Komtur, sondern ein junges Paar, das Einlass begehrt. In ihrer Inszenierung des „Don Giovanni“ für die Deutschen Oper am Rhein“ nutzt Karoline…

Von: Dagmar Kurtz

Der schöne Schein

Täuschungen über Täuschungen, Doppelmoral und Betrug. In der Operette „Die Fledermaus“ macht jeder jedem etwas vor, allein die schwungvolle Musik mit Wiener Walzerseligkeit täuscht darüber hinweg und…

Von: Dagmar Kurtz

„Vástádus eana/The answer is land“ von Elle Sofe Sara im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Hoch im Norden Europas lebt das indigene Volk der Samen. Mit ihrer Lebensart beschäftigt sich Elle Sofe Sara in ihrem Stück „Vástádus eana/The answer is land“ jenseits folkloristischer Attitude. So…

Von: Dagmar Kurtz

Nachdenklich, Lebhaft, Wütend, Wehmütig! Ballett am Rhein: „Vier Neue Temperamente“

DIE VIER TEMPERAMENTE George Balanchine PHLEGMATIC SUMMER Michèle Anne de Mey (Uraufführung) SANGUINIC: CON BRIO Demis Volpi (Uraufführung) CHOLERIC Hélène Blackburn (Uraufführung) FROM TIME TO…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑