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Wenn Theater zum Film wird

 

„Fromm und gewöhnlich“ ist Mendel Singer. Ärmlich wohnt er in einem russischen Dorf mit vier Kindern und seiner Frau Deborah, die er einst genoss, der er sich dann verschloss. Die Liebe zu verweigern war wohl die einzige Sünde dieses gläubigen Menschen. Nach der biblischen Geschichte „Hiob“ schrieb Joseph Roth den gleichnamigen „Roman eines armen Menschen“, holzschnittartig, Satz für Satz genau…

Mutmassungen über Willie

 

Eine Landschaft aus Stahlskeletthügeln, wie nach einer Katastrophe, eine ort- und zeitlose Welt. Mittendrin ein blauer Hügel, in dem Winnie bis zur Taille feststeckt. Der blaue Hügel als Welt, als Sinnbild für die Sehnsucht, die sie immer noch trägt? Winnie plappert unentwegt vor sich hin, pflegt sich, versucht die Contenance zu wahren, im Gegensatz zu ihrem Ehemann Willie, der sich scheinbar…

Beziehungsmuster

 

Was Nussknacker nachts treiben, so dass Maschinen irrtümlich als bezaubernde Mädchen erachtet werden, haben wir bereits in der Tanzgeschichte erfahren. Im 21. Jahrhundert sehen die Wesen, die uns in der Phantasie beschäftigen, aber ganz anders aus. Antoine Jully hat für seine Choreographie "Hidden Features" seinen Computer aufgeschraubt und sich von den Komponenten inspirieren lassen. So…

Momentaufnahmen der 1920er Jahre

 

Stummfilm, Radio, Kabarett, Revue, Modetänze, Jazz, episches Theater, neue Tendenzen der bildenden Künste, aber auch Gesellschaftskritik finden Nachhall in Karl Amadeus Hartmanns 1929-1930 komponiertem und von Erich Bormann librettiertem "Wachsfigurenkabinett". Es sind Momentaufnahmen des Lebens der 1920er Jahre. Die fünf kleinen Opern, überwiegend nur als Skizzen erhalten, wurden von Günter…

Lüge und Wahrheit

 

Alkohol löst die Zunge, enthemmt. In Iwan Wyrypajews Stück "Betrunkene" gibt es jedoch kein Gelalle, handelt sich doch durchweg um gutsituierte Personen, - Banker, Manager, Models -, die bei einer Festivität zu tief ins Glas geblickt haben und jetzt sturzbetrunken sind. Im Laufe eines Abends treffen sie auf der Straße einer Stadt aufeinander. Da wird dann eher über den Sinn des Lebens…

Ein glänzendens Parkett

 

Illusionistische Räume sucht man in dieser Inszenierung der "La Traviata" von Andreas Homoki vergebens. Die Bühne, eine spiegelnde, leicht schräg abfallende, glatte Fläche: sie symbolisiert das glänzende Parkett, auf dem Violetta sich bewegt, dient als Metapher für den trügerischen Schein. Zwar lebt sie ein luxuriöses Leben, unterhält einen Salon, in dem sich tout Paris trifft, aber…

Turbulenter Urlaub

 

Als alpenländische Fernsehklamotte hat sich das Singspiel "Im weißen Rössl" in die Erinnerung eingebrannt. Dass es sich bei der Uraufführung 1930 in Berlin noch ganz anders anhörte, nämlich viel jazziger, spritziger zeigt die 2009 wiederentdeckte Originalpartitur, komponiert für 80 Musiker. Es versteht sich von selbst, dass das natürlich nicht in jedem Haus umgesetzt werden kann. Mit kleinem,…

Mit Wehmut

 

Ein schwarzer Rollkoffer, allein, mitten auf dem weißen Tanzboden der leegeräumten Bühne. Dazu erklingen Songs von Judy Garland, mit der Patina und dem so unnachahmlichen Orchester-Sound der Nachkriegsära. Als das Fernsehen noch neu war, als man nach Glamour hungerte, als der Krieg gerade vorüber war, aber noch in tiefen Verletzungen nachhallte.

 

Im kleinen Schwarzen und Stilettos erinnert…

Wie gemalt

 

In 200 Jahren hat die Welt sich ziemlich gewandelt und von der politische Brisanz des Stoffes der "Nozze di Figaro" in Mozarts Oper nach der Komödie von Beaumarchais ist nichts mehr übrig geblieben. Die Standesschranken und die Allmacht des Adels ist verschwunden und mit ihr das jus primae noctis (das Recht des adligen Herrn auf die erste Liebesnacht seiner weiblichen Untergebenen). Eine…

Was bleibt?

 

Verschwinden, Bewahren, Erinnern, darum kreisen Ludwig Haugk und Stefan Schneider in ihrer Collage "Enthusiasm IX". In Hoyerswerda erobert sich die Natur ein Abrissgebiet zurück, in Wuppertal verschwindet das Naturkundemuseum, in Düsseldorf verschwinden die Tierplastiken des Künstlers Josef Pallenberg, die Künstlerin Chris Reinecke verschwindet hinter ihrem Alter Ego, die Luftbildaufnahmen der…

Der Retter in der Not

 

Im Nu sind die Plakate der Occupy Bewegung von der Fassade des Bankgebäudes entfernt, und die Mini-Demonstration aufgelöst. Das Gebäude mit grünem Marmor und Holzvertäfelung erinnert in seiner imposanten Architektur an ein Institut an der Kö. Leicht ironisiert wird dieses Gebäude der Machtdarstellung durch die pompöse Treppe, die eher einem Varieté entsprungen zu sein scheint. Natürlich kleidet…

Unheimlich

 

Nichts ist, was es scheint in Benjamin Brittens Oper "The Turn of the Screw" nach der Erzählung von Henry James. Eine Gouvernante tritt ihre neue Stelle auf dem Lande an, wo sie zwei elternlose Kinder betreuen soll. Unter ihr unbekannten Umständen sind der Verwalter Peter Quint und die vorherige Gouvernante Miss Jessel umgekommen. Aber sie schienen immer noch einen unheilvollen Einfluss auf die…

Körperarbeit

 

Schrilles Geschrei wie von hoch in der Luft fliegenden Schwalben ertönt, ein Video zeigt Körperformationen in kaleidoskopartiger Verzerrung, unterbrochen von Kreuzzeichen. Dann setzt ohrenbetäubendes Grillengezirpe ein. Der Frühling ist bereits vorbei. Langsam bewegt sich ein Tänzer aus dem Dunkel auf die Bühne, Strawinskys "Le Sacre du Printemps" erklingt.

 

Meryl Tankard bezieht sich in ihrer…

Die Frage nach dem richtigen Handeln

 

Kapitän Vere wird sich erst am Ende seines Lebens bewusst, dass er sich auch hätte anders verhalten und so den Tod eines Menschen hätte verhindern können. In einer Rückblende erzählt Benjamin Brittens Oper "Billy Budd" von den Geschehnissen auf einem britischen Kriegsschiff Anfang des 19. Jahrhunderts. Auf einem Handelsschiff sind Billy Budd und zwei Kameraden zum Kriegsdienst gepresst worden.…

Verloren in der Welt

 

Zunächst ein einzelner, geduckter Tänzer auf der Bühne, damit ist schon zu Beginn von Martin Schläpfers "7" der Ton seiner neuen Choreographie angestimmt. Gustav Mahlers 7. Sinfonie bildet die musikalische Grundlage und in der episodenhaften Ausgestaltung nimmt er Bezug auf Mahlers Biografie, Mahlers Ausgegrenztsein in der Welt, sein Gefühl des Fremdseins in einer Zeit des spürbaren…

Opferung

 

Kirchturmglocken erklingen in der Dunkelheit. Es ist Nacht und damit Zeit für das Erscheinen traumhafter Wesen. Diese sind Transformationen mythischer Gestalten. Angeregt von Igor Strawinskys "Le Sacre du printemps", dessen Uraufführung sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, verknüpft Akram Khan verschiedene Legenden miteinander. Gleich zu Anfang greift er auf eine andere prominente…

Liebe in Zeiten der poltischen Unruhe

 

Auch wenn es paradox klingt: es sind vergleichsweise ruhige Zeiten, in denen man sich Eifersucht leisten kann. Wie die desolaten politischen Verhältnisse eines Polizeistaates das private Glück beeinträchtigen können, zeigt die Oper "Tosca". Die titelgebende Heldin lebt zu Anfang noch ganz der Kunst als Sängerin - und der Liebe zu dem Maler Cavaradossi. Sie erscheint etwas divenhaft verwöhnt,…

Luisa im Puppenheim

 

Luisa ist jung, aber so jung denn doch nicht, wie Carlos Wagner sie macht! In seiner Inszenierung von Verdis Oper "Luisa Miller" für die Deutsche Oper am Rhein räkelt sich die Protagonistin im Nachthemd, aus dem sie nicht mehr herauskommt, behaglich im Bett ihres Kinderzimmers. Dieses ist mit kindlichen Wandkritzeleien von oben bis unten bedeckt. Benötigt sie Trost, taucht Laura als…

Alptraumhafter Mythos

 

Ein eckiger grauer Bau, mit gezackten Türschlitzen und offenen dunklen Fensterhöhlen, einladend ist der Königsplast nicht, stattdessen düster und abweisend. Man ahnt, dass hier das Vergnügen nicht zu Hause ist. Er füllt fast die ganze Bühne aus, bedrängt den Agierenden und lässt ihm kaum Bewegungsmöglichkeiten; die Bühnenarchitektur als mächtiges, eindrucksvolles Sinn- und Stimmungsbild für das…

Zwischenzeilen

 

Zeitungen liefern Informationen zu Ereignissen von gestern oder weisen auf Zukünftiges hin, das Gegenwärtige, gerade Stattfindende bleibt jedoch ausgespart. Mit "Re:Zeitung" beziehen sich sechs Tänzer von P.A.R.T.S. FOUNDATION/Anne Teresa De Keersmaeker auf ihr 2008 produziertes Stück "Zeitung". Aber der Titel liefert keinen Anhaltspunkt für das Verständnis.

 

Die Bühne ist leer wie ein…

Variationen von Einsamkeit

 

Faune und Nymphen sind aus unserem profanen Leben inzwischen ganz verschwunden, aber die narzisstische Einsamkeit mythologischer Wesen lässt sich auch in heutigen Menschen wiederfinden. Jerome Robbins hat seine 1953 kreierte choreographische Interpretation von Debussys "Prélude à l’après-midi d’un faune" in einen Ballettraum verlegt. Dazu inspiriert wurde er durch eine eingefangene…

Naturgesetz

 

Empörung löste 1809 Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" bei moralisch empfindenden Lesern aus, ging es doch scheinbar um Ehebruch. Goethe setzte menschliche Paarbeziehungen in Analogie zu einem chemischen Experiment. Er nimmt dabei die Rolle eines neutralen Beobachters ein und stellt die Frage, ob die Natur in allen Lebensgebieten wirkt. So wird der Roman zur Analyse der Antagonismen von…

Verwandlungen

 

Wie schnell ist der Zauber der ersten Tage verschwunden! Die Kaiserin ist noch nicht erwacht, da begibt sich ihr Gatte schon zum Jagdvergnügen. Die Färberin findet sich in einem Hausstand voller unnützer, sie plagender Verwandter wieder, während ihr Mann seiner Arbeitswut frönt oder sich ein Gläschen gönnt. Kein Wunder, dass sie frustriert und zickig ist. Beide Frauen sind kinderlos, wie sollten…

Kirmesvergnügen

 

Auf der Kirmes kann schon mal die Liebe abhandenkommen. Karoline will Spaß, Achterbahn fahren und Eis essen. Kasimir hat gerade seine Arbeit verloren, ist daher unausstehlich und vermasselt den ganzen Abend. Kein Wunder, dass sich Karoline bald mehr für den smarten Schürzinger interessiert, zumal sich Kasimir lieber mit dem zu Gewaltausbrüchen neigenden Kriminellen Merkl Franz abgibt.

 

In…

Kontrollverlust?

 

Er versteht sie nicht, sie versteht ihn nicht. Wie sollten sie auch? Verstehen sie sich selbst doch nicht. Dass Männer und Frauen Kommunikationsschwierigkeiten haben, ist alt bekannt.

 

Im Stück "Rausch" von Falk Richter und Anouk van Dijk wird dieses private Beziehungsgeflecht im ersten Teil in genau beobachteten Dialogen thematisiert. Das falsche Bild, das man sich vom anderen macht, wird in…

Nebelschwaden

 

Laute Musik zieht den Zuschauer in den Theaterraum. Vier Männer im weißen Tennisdress spielen ein imaginäres Tennisspiel in Nebelschwaden. So beginnt Ben J. Riepes Stück "Don't Ask. Don't Tell", das in Zusammenarbeit mit dem indischen Tänzer und Choreographen Navetej S. Johar im Jahr 2012 entwickelt wurde. Es sind einzelne Sequenzen, die lose zusammengefügt sind.

 

Ein Tänzer klebt sich einen…

Die Natur erwacht

 

Wie ein großer Vogelschwarm erscheinen die Tänzer auf der Bühne, die Türen wurden eben erst geschlossen, das Licht im Zuschauerraum ist noch nicht erloschen. Das erste Stück des Ballettabends in der deutschen Oper am Rhein beschäftigt sich mit dem Individuum und der Gruppe. Aus der dynamisch-heiteren Gruppenformation lösen sich immer wieder Einzelne heraus in Posen voller Trauer und Verzweiflung…

Wer zuletzt lacht

 

Von "politischer Korrektheit" hat man zu Verdis Zeiten noch nichts gehört, und so wird Falstaff in zahlreichen Varianten als Dickwanst beschimpft. Der Umfang seines Bauches deutet auf die Freuden sinnlicher Genüsse hin und steht proportional umgekehrt zum Inhalt seiner Geldbörse: Falstaff ist pleite und sucht nach einem Ausweg. Von Ehre hält er nicht viel, und so gedenkt er seiner klammen…

Triumph der Liebe

 

Was im Barock an Ausstattungsopulenz bereits üblich war, hier findet es seine adäquate Wiederkehr: falsche Tiere, illusionistische Bühnenmalerei, Drehbühne und ausgeprägte Bühnenmaschinerie, prächtige Kostüme, Geschlechterwechsel in den Rollenbesetzungen mit entsprechenden Verkleidungen und Handlungsverwirrungen, Liebe, Intrige und Eifersucht.

 

Zuerst himmelt Xerxes mit der legendären Arie…

Ein afrikanischer Schwan

 

Die Geschichte vom weißen und schwarzen Schwan des Balletts "Schwanensee" von Pjotr Tschaikowski hat schon viele Interpretationen erfahren und viele Filmplots inspiriert. Aber wie stellt sie sich einem Ballettunerfahrenem ohne jegliche Vorkenntnisse dar, wie interpretiert er das Bühnengeschehen? Das ist die Ausgangsfrage, die die südafrikanische Choreographin Dada Masilo in ihrem heiter…

Kritiken

Amerikanische Avantgarde

Mit gleich vier Stücken amerikanischer Choreographen der Moderne, die die amerikanische, aber auch die internationale…

Von: Dagmar Kurtz

Kein Ort. Nirgends.

Ein goldener Läufer, golden wie eine Rettungsdecke, nimmt die Mitte der Bühne ein. Im Hintergrund liegt ein Mensch in…

Von: Dagmar Kurtz

Ende einer Spaßgesellschaft

Eine reiche, leicht exzentrische Gesellschaft trifft sich in Hollywood zur Poolparty auf einem luxuriösem Anwesen. Sie…

Von: Dagmar Kurtz

Clubnacht

Die Bühne schwarz, der Bühnenboden mit dunkler Erde und Plastikbechern bedeckt. Eine Frau kommt aus dem Dunklen und…

Von: Dagmar Kurtz

Distanziert

Man hat sich fein gemacht für das Fest bei den Capulets, alles glänzt und glitzert, die Damen tragen weite Tellerröcke…

Von: Dagmar Kurtz

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